Beziehungsweise Geräte

Im Juli schreiben die 20 Autorinnen und Autoren auf Los Superdemokraticos über Intimität, Geschlecht und Körper. Und sehr oft geht es um unsere Beziehung zu Geräten:

Da liegt etwas neben mir und blinkt, als ob es atmet. Manchmal nehme ich es auf den Schoß, dann wird mir ganz warm. Ich spreche hier nicht von einem Fahrradlichtdildo oder einer Katze mit blitzenden Augen, nein, ich spreche von einem Gerät. Habe ich ein Verhältnis mit meinem Computer? Was für eines ist das? Hat er sich in eine herzförmige Box verwandelt, die meine Gefühle kontrolliert?

Viele Texte der Superdemokraten befragen die Möglichkeit von Intimität in Zeiten des Webs. Die einen sprechen von Internetsex (Agustín Calcagno), die anderen vom Voyeurismus in sozialen Netzwerken (Liliana Lara). Genau diesen Beobachtungen geht der Schweizer Essayist, Physiker (und Jazzmusiker) Eduard Kaeser in seinem Buch „Der Körper im Zeitalter seiner Entbehrlichkeit nach und fordert „Körpermündigkeit“: Weil wir immer mehr in „Technotopen“ lebten, umgeben und abhängig von Maschinen, die unsere Arbeit und unser Leben und vor allem auch unsere Liebe strukturieren, komme uns die materielle Welt immer mehr abhanden. Wir nähmen sie auf über immaterielle Sinneswahrnehmungen, die uns die Geräte filtern und anbieten. Wir seien mutiert zu „Schnittstellen-Wesen“.

Ich glaube nicht, dass das schlimm ist, sondern einfach ein Teil meiner Realität, mit der ich umgehen lernen muss. So wie ich mit meinen Vorstellungen von Sexualität, Ehe, Familie, Liebe, Gender umgehen lernen muss, die bestimmten (erlernten) Realitäten oder Fiktionen (Filmen, Romanen) entsprechen. Davon erzählen auch Fernando Barrientos, Leo Felipe Campos, Javier Badani, Lizabel Mónica oder René Hamann ihren Essays. Diese Realitäten führen an der Nase herum wie die Karotte den gutgläubigen Esel. Aber wir müssen einfach stehen bleiben. Uns spüren. Die Rettung, die Zukunft, was auch immer kommen mag, liegt nicht im anderen (in der Karotte) sondern in uns selbst. In der Kraft, den Gefühlen, den Worten, die uns umgeben. Die online und offline zu uns kommen.

Ich bin sehr begabt darin, meine Geräte zu zerstören (so ähnlich, wie ich gut darin bin, überall anzustoßen und mir blaue Flecke zu holen). Meinen letzten Laptop hab ich mit Tee geflutet, mein Handy fällt mir oft aus der Hand, es ist nun von feinen Nadelrissen geschmückt. Es trägt Narben als ob es ein Körper wäre. Und daher behaupte ich weiter: Vor einem Computer weinen, ist intim. Hinter einer Glaswand darüber singen, was man im Leben verstanden hat, das ist intim. Youtube-Videos verschicken ist auch intim. So zeigen wir uns im „durchsichtigen Kostüm“ (Tilsa Otta), werden verletzlich, aber bleiben, trotz aller Digitalität, höchstmenschlich.

Und wenn wir uns das nächste Mal sehen, umarmen wir uns. Denn Menschen sind besser als Geräte.

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