Artikel-Schlagworte: „Zukunft“

Leertaste

Sonntag, 5. September 2010

Ein surrealer Tag: Durch Kreuzberg fahren gegen 22 Uhr lautlose Polizeikolonnen mit Blaulicht, ein Sandwichmann mit elektronisch dudelner Hupe demonstriert alleine für das “Kommunale Wahlrecht” von etwas, das sich von Weitem wie TPrIPR liest, der Kellner in der Bar Trödler legt vor mich einen Zettel “Neben euch sitzt ein Dieb”. Woran erkennt man einen Dieb? An dem gestreiften T-Shirt, dem aufgepumpten Körper, der dicken Goldkette? Und was möchte er stehlen? Unser alten Handys? Oder die kostenlosen Flyer, die in unseren Taschen herumlagern, den Aufkleber “Circulate this” vom Londoner Bookshop AA oder die zwei Mixtapes “Girls grow up faster” und “Girls Internationale. ’60s female artists from Foreign Lands”? Wir werden es nie erfahren, denn nachdem er immer näher gerückt war, gingen wir und zahlten.

udm_boxset

Unter dem Motto-Box. Foto: Motto Distribution

Eigentlich wollte ich aber von der zweiten Messe unabhängiger internationaler Magazine im Kreuzberger Buchladen “Motto erzählen, auf der wir vorher gewesen waren, aber dort erstand ich weder sperrige Theorietexte “What means why?”, tolle Zeichungshefte (Fukt Magazin), die lässige Literaturzeitschrift F.R. David noch das schöne Plakat mit Farbverlauf “Hot dogs are not book marks”, sondern nur besagte Mixtapes. Rebellion gegen Print? Nein. Denn noch eigentlicher wollte ich davon schreiben, dass ich heute zum ersten Mal in meinem Leben zwei Zeitungsseiten mit Text befüllt habe, überregional! Denn heute feierte die Frankfurter Rundschau ihr 65-jähriges Bestehen mit einer 64 Seiten dicken Beilage über die Zukunft von Print und Netz und ich durfte auch was dazu sagen. Die FR hat sich selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht und ihren Onlineauftritte erneuert. Ich finde, die Seiten sehen gut aus: Mir gefallen besonders die Reiter und die verlinkte Rubrizierung über den Texten. Das erleichtert das Navigieren enorm. Auch der viele Weißraum, den sich Onlineseiten immer mehr gönnen, so als verabscheuten sie auch, wie die Zeitungsmacher, endlose Bleiwüsten, hat es mir angetan. Weißraum war, das entnahm ich dem US-amerikanischen Webmagazin Slate, übrigens schon seit Anbeginn der Zeitungsgeschichte integraler Bestandteil des Mediums: Der 1704 gegründete Boston News-Letter enthielt leere Stellen, auf denen der Leser seine eigenen Gedanken eintragen konnte – wie heute die Kommentatoren in Blogs.

Dieser Text sollte eigentlich eine Hommage an die Leertaste sein. Aberdashabichjetzttotalvergessen.

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Journalismus, Literatur | Keine Kommentare »

Das Superbuch?

Freitag, 16. Oktober 2009
Pokemon Super Rat

Super-Ratten aus Tokyo, die gegen Rattengift immun sind. Die japanische Künstlergruppe CHIM  POM, hat für ihre Videoinstallation "Super Rat" einige Tiere ausgestopft und als Pokémons eingefärbt. Foto: Tokyo-Shibuya, HAU

Lesen wir ab kommenden Montag nur noch E-Bücher? Sind Ebücher, E-Books, eBooks die neuen Superbücher, vor denen traditionelle Leseratten Angst haben müssen? Wie steht es um die Zukunft des Buches?

Ich habe bisher vor allem über E-Bücher gelesen, online und offline, noch keines in der Hand gehabt, und halte den Wirbel vor allem für eine weltweite Marketingaktion, die zeigt, wie sehr wir in Zukunft unser kulturelles Verhalten von Geräten abhängig machen (werden). Nur wer ein digitales Abspielpapier kauft, kann digital lesen. Wir können nur mobil Kultur konsumieren, wenn wir die mobilen Konsumgeräte konsumieren. Ihr wisst, wovon ich spreche: Musik im Ohr, Facebook in der Tasche. Aber wie viele Geräte wollen wir eigentlich haben? Würde nicht eines reichen? (weiterlesen …)

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Technik | 2 Kommentare »