Artikel-Schlagworte: „Thomas Mann“

Mein Weg zum Epublesen

Montag, 30. April 2012

Es begann vor etwa drei Jahren an dem Tag, an dem ich ein iphone geschenkt bekam, als Preis beim European Blogging Competition des European Journalism Centre für meine Beiträge.  Auf einmal hatte ich da einen kleinen Computer in der Hand, der mich ins Netz einloggen konnte, wenn irgendwo W-Lan vorhanden war, der fotografieren und Sounddateien speichern konnte, der aber auch eine Jukebox mit meiner Musik war – und der mich an den App-Store vermittelte. Ganz ehrlich, ich hätte mir nie eines gekauft, denn mein aktuelles Telefon funktionierte noch, ich brauchte es nur zum SMS-Schreiben und Telefonieren. Und dazu nutzte ich auch zunächst mein neues Smartphone.

Bis ein Freund mir zeigte, wie viele kostenlose Apps es doch gäbe: Damals waren etwa die Biertrink-App und die Gitarren-App total beliebt, bei der sich das Telefon in ein Bierglas oder in einen Gitarrenhals verwandelt. Die einzige App, die mich überzeugte, hieß Stanza. Ein Archiv digitaler Bücher für das Smartphone, womit ich mir eine vor allem englisch- und französischsprachige mobile Ebook-Bibliothek anlegte. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit, wenn ich unterwegs war, Shakespeares Dramen oder die Fabeln von Lafontaine hätte lesen können.  Nur, ich tat es nicht. Die Zeit für solche langen Werke reichte unterwegs einfach nicht. Und der Akku reichte auch nicht. Das einzige kürzere, deutschsprachige Werk bei Stanza war die Novelle “Der Tod in Venedig” von Thomas Mann. Diese passte genau in eine Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin. Ich war so absorbiert von der Erzählung, dass ich ganz regelmäßig über das Display wischte, immer wieder eine Seite umblätterte, wie in einem “echten” Buch. Es war Lesen wie immer, nur auf einer kleineren Seite, mit weniger Gewicht und Leselampen-frei. Es war gut, und ich wollte mehr davon.

Leider fiel mir irgendwann mein iphone runter, das Glas-Display zersplitterte. Es war zwar noch zu benutzen, aber ich musste die wackeligen Stücke unter einer durchsichtigen Folie arretieren. Lesen machte damit nun gar keinen Spaß mehr. Nachdem schließlich auch der Menüknopf seinen Geist aufgab, musste ein neues Telefon her.

Und leider gingen meine gesammelte Stanzawerke dadurch verloren, dass sie sich nicht synchronisieren ließen. Aber ich konnte mir ein Telefon ohne digitale Bibliothek nicht mehr vorstellen. Mühsam suchte ich mir über ibooks erneut ein paar Klassiker der Weltliteratur zusammen, aber viel war da nicht drin, was in die Richtung einer Thomas-Mann-Novelle ging. Das meiste waren lange, englischsprachige Texte. Endlich mal wieder den viktorianischen Ästhetik-Klassiker Walter Pater’s The Renaissance. Studies in Art and Poetry lesen. Ein Zitat markieren. Und dann wieder weglegen.

Was blieb mir anderes übrig, als ein paar Eurocents auszugeben. Ich kaufte “I live by the river” von Johnny Häusler und den “Weltmüller” von Frank Fischer. Beides las ich in einem Rutsch durch, denn beide Bücher funktionieren perfekt als elektronische Lektüre. Sie sind in Etappen aufgebaut – 15 Geschichten, bzw. 3 Novellen mit kurzen Unterkapiteln. Sie sind witzig erzählt und behandeln zeitgenössische Phänomene, von der Anschaffung eines Hundes bei Häusler zu ironischer Parodierung des Kulturbetriebs bei Müller. Der Sukulturverlag verlangte 6,99 für 124 Seiten; Johnny Häusler für ein etwa 25 Prozent längeres Werk nur 0,99 Euro. Häuslers geringerer Preis erklärt sich dadurch, dass er sein Buch aus ehemaligen Blog-Texten zusammengebaut hat und dass er es als Testballon in die Selfpublishing-Sphären entsendet. Der Sukulturverlag hat ein wenig mehr in das Design des Printbuches (Cover, Schrift “Superspitzeprimatoll”) investiert, so dass diese Kosten sicherlich auch auf die elektronische Version umgelegt wurden.

Kurz: Wenn es solche Bücher gibt, werde ich in Zukunft mehr Epublesen.

Nachtrag im Juli 2013: Ende Januar 2013 habe ich meinen eigenen Digitalverlag mikrotext gegründet, der sich auf kurze Ebooks spezialisiert hat. short digital reading, erhältlich bei Amazon, iTunes, aber auch im Buchhandel und vielen, vielen anderen Ebook-Shops. Mit Titeln u.a. von Alexander Kluge, dem “syrischen Bukowski” Aboud Saeed, Franzobel, Jan Kuhlbrodt und Thomas Palzer. 

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Literatur, Technik | Keine Kommentare »

Erzähltheorie der Log Lady

Freitag, 14. Januar 2011

Der Mutter aller Serien, “Twin Peaks” von David Lynch, ist in  jeder Episode die so genannte Log Lady vorangestellt. Wir könnten sie die Mutter der Mysterien, der Wahrheiten, der Traurigkeiten, der Geschichten nennen, die in Twin Peaks (Twinpieks), in dieser abgelegenen Kleinstadt im US-amerikanischen Nordwesten spielen. Diese zugleich weise, aber undurchschaubare Frau weiß mehr als alle, als der Zuschauer, die Bewohner, der FBI-Agent, ja, vielleicht auch als der Regisseur, denn sie spricht in einem beruhigenden Raunen, dem Ton des Erzählers, “dem raunenden Beschwörer des Imperativs”, wie Thomas Mann ihn nannte. Sie ist das Atmen vor dem Anfang. Wäre es nicht schön, wenn wir die Mütter anderer Kunstformen sammelten? Die Mutter der Skulptur, die Mutter der Musik, die Mutter der Lyrik? Die Mutter der Blogs wären das feuilletonistische Ich-Sagen und die Kommentarfelder, die weißen Stellen in den frühen Zeitungen. Das Erzählen ist nie abgeschlossen, es ist episodisch, so wie eine TV-Serie. Es setzt einen symbolischen Anfang, indem es einen Holzscheit aus dem Stamm schneidet, und hält diesen Scheit in die Welt. An diesem entlang wird dann weiter erzählt. Die Log Lady ist die Struktur dahinter.

Berekhat-Ram

Die uralte Steinskulptur aus Berekhat-Ram in Israel ist mindestens 233.000 Jahre alt.

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Blogtheorie | Keine Kommentare »