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Die Selbstverleger: ein Sachtext

Donnerstag, 27. September 2012

Die Verlagswelt wirkte auf ihn wie ein exklusiver Club, von dem er schon viel gehört habe. Die Türsteher aber ließen nur sehr selten jemanden nach völlig undurchschaubaren Kriterien hinein. Man selbst warte und warte, bis man eines Tages die Hintertür entdecke. Die unbewacht sei. Dies sei die Tür des Selfpublishings.

So kurzweilig unprätenziös kann wohl nur ein US-amerikanischer Autor von seinem Scheitern am klassischen Literaturbetrieb seines Landes erzählen, und zwar auf der Londoner Konferenz “Writing in a digital age“, organisiert von der Literary Consultancy. Rob Kroese hat mehrere “witzig-apokalyptische” Romane, in denen es “um Engel geht, aber auch um Explosionen”, im Selbstverlag veröffentlicht, zunächst gedruckt, dann aber digital über Amazon. Sie verkauften sich recht gut, u.a. weil Kroese den Preis sukzessiv um einen Dollar herabsenkte und weil er bereits gut mit Humor-Blogs vernetzt war (er hatte eine Art Humor-Blog-Liste im Netz angelegt, denen er sein Buch zur Besprechung anbot). Nun hat ihn der Amazon Verlag – ja, Amazon hat jetzt auch einen eigenen Verlag – unter Vertrag genommen.

Damit ist Kroese einer von vielen Selfpublishing-Stars im englisch-amerikanischen Bereich, von den deutschen Erfolgsautoren etwa Matthias Matting, Jonas Winner (100.000 Exemplare in einem knappen Jahr), Michael Linnemann, Emily Boyd, die Petra Cronenberg auf Leander Wattigs Blog erwähnt, habe ich selbst noch nichts gelesen, was aber nichts heißen soll.

Um einen eigenen Eindruck zu bekommen, was die deutschsprachigen Leserinnen und Leser elektronisch kaufen, habe ich die Amazon Kindle Charts aufgerufen, die netterweise in kostenlose und zu bezahlende Ware unterteilt ist. (Stellen Sie sich vor, in einem Buchladen stünden kostenlose Bücher neben zu verkaufenden). Was heißt das: Der digitale Leser wird durch kostenlose Bücher gelockt, damit er wieder und wieder die Shopseite besucht und irgendwann von der kostenlosen auf die kostenpflichtige Seite wechselt. Im Unterschied zu den Bestsellerlisten in Büchermagazinen gibt Amazon allerdings die Verlage, in denen die Bücher erschienen sind, nicht an. Auch sind auf den kleinen Vorschaubildern der Cover die jeweiligen Verlagslogos nicht zu erkennen. Daraus lässt sich schließen: Wer von hier einen Titel in seinen Warenkorb schiebt, schiebt, weil er den Titel, den Preis, eventuell auch das Coverbild attraktiv findet: “Fleisch und Blut: Thriller” (Daniel Dersch), 120 Tage in den Top 100, 2,69 Euro, also ein Fall für Krimi-Leser. Wie bei den Kitsch-Romanen, etwa “Plötzlich verliebt” (Petra Röder), 36 Tage in den Top 100, für 2,99 Euro, ist die Ansprache und die Ansage klar und deutlich. Häufig taucht das Genre auch als Teil des Titels auf.

Ein auffällig anderer Verkaufsschlager in den derzeitigen Charts sind die Grimms Märchen, die der Nullpapier Verlag seit 2011 digitalisiert anbietet. Für 0,99 Cent. Sie befinden sich schon seit 455 Tagen in den Top 100. Aufbereitete, günstige Klassiker finden also ebenfalls ihren Markt. Das Buch enthält die Märchen in dialektaler und hochdeutscher Version, sowie Illustrationen. Allerdings setzt der ein-Mann-Verlag auf billig: Etwa zwanzig Klassiker hat Jürgen Schulze, seines Zeichens “einziger Angestellter, Lektor, Graphiker, Programmierer, Rechtsbeistand und Chef” bereits in seiner 0,99-Cent-Edition im Angebot. Er will, das ist deutlich, Geld mit rechtefreien Texten und alten, bereits lizenzfreien Übersetzungen machen, die sicherlich auch mit ein wenig Recherche kostenlos in der Gutenberg-Bibliothek digital zu finden sind. Kommentierte Klassiker-Editionen, gut editiert, nur ein wenig teurer, könnten ihm da Konkurrenz machen.

Ich bin sehr gespannt, was auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zum Selfpublishing zu finden und zu hören ist. Zum Thema Ebook werden mehr als 280 Veranstaltungen angeboten, das ist schon einiges. Davon wiederholen sich allerdings einige immer wieder, etwa die einstündige Werbeveranstaltung für den deutschen Ebook-Dienst epubli der Holtzbrinck Gruppe, der einen kostenlosen Ebuchservice anbietet. Nicola Morgan, Dozentin für “Publishing Studies” an der Kingston University London und Autorin des “Selfpublishing Guides” (hier ein Interview mit Tipps), hatte bereits auf der diesjährigen Buchmesse in New York beobachtet, wie das Selbstpublizieren an Fahrt aufnimmt:

Was würden Sie gerne lesen? “Verknallt in den Wirt: Provinzroman”, “Schuß in den Bauch: Krimi”, “Himmel und Hölle: Psychothriller”, “Belohnung Brautstrauß: beste Unterhaltung vor der Ehe”, ad libitum. Knaller-Ebook-Titel machen ist nicht schwer, gute Bücher dagegen sehr.

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