Artikel-Schlagworte: „Johnny Häusler“

Platz 6 mit Humor

Dienstag, 9. Oktober 2012

Inspiriert von Johnny Häuslers erfolgreichem und wirklich lesbarem Selbstexperiment, einfach mal ein Ebook zu produzieren und zu schauen, was passiert (ok, so einfach ist es nicht, man muss schon alle seine Freunde und Bekannte zuspammen), hab ich gestern eine meiner Kurzgeschichten auf Amazon angeboten. Und vorher mit Basis-Designwissen ein trashiges Cover aus einem Urlaubsfoto gebastelt. Gestern fanden das zwar viele auf Facebook toll, aber ich verkaufte nur zwei Exemplare.

Heute bin ich auf dieses windige Amazon-Angebot angegangen, das Buch 90 Tage exklusiv nur bei ihnen anzubieten und es in das Ausleihprogramm mit aufnehmen zu lassen. Das funktioniert meines Wissens erst in den USA, und ich kann als Autorin nichts verdienen, wenn mein Buch ausgeliehen wird. Aber: Ich kann Anteile am Amazon-Fonds erwerben, der sich pro Monat auf 600.000 und bis Ende 2012 auf 6 Millionen Dollar beruft. Ich glaube kaum, dass jemand in den USA mein Buch ausleihen wird, außer vielleicht irgendwelche christlichen Fundamentalisten deutscher Abstammung, die denken, ich habe über die Pilgerreise meines Freundes in den Vatikan geschrieben. Gut an diesem Angebot ist aber, dass ich das Buch fünf Tage lang kostenlos anbieten kann. Und siehe da: Nach einem Tag plus Twitterei, Facebookerei und Mailerei finde ich es in der Rubrik “Humor” auf Platz 6. Die heruntergeladenen Exemplare wurden immer dann mehr, wenn ich  auf den kostenlosen Download hingewisen habe. Ohne digitalen Wirbel gehts also nicht. Und der ist ganz schön nervenaufreibend. Klick hier, klick da, hier was checken, da was aktualisieren… Puh. Insgesamt hab ich 101 Exemplare verschenkt.

Nun frage ich mich natürlich, was passieren wird, wenn ich das Buch auf einmal wieder kostenpflichtig anbiete. Rutsche ich dann aus der Gratis-Bestsellerliste heraus? Oder automatisch in die Bezahl-Bestsellerliste?

Da ich mir nicht sicher war, ob in meinem Leser- und Bekanntenkreis überhaupt Kindle-Bücher heruntergeladen werden (können), ob also überhaupt die Geräte- und Techniklage es erlaubt, bin ich nun belehrt worden. Ja, es wird gemacht. Und ich könnte mir vorstellen, dass, wenn ich einen anderen Shop benutzt hätte, es auch funktioniert hätte.

Nachtrag: 22 Uhr, die Schnapszahl 44 zeigt den Papst bei den Top 100 in der Groß-Rubrik “Belletristik”:

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Mein Weg zum Epublesen

Montag, 30. April 2012

Es begann vor etwa drei Jahren an dem Tag, an dem ich ein iphone geschenkt bekam, als Preis beim European Blogging Competition des European Journalism Centre für meine Beiträge.  Auf einmal hatte ich da einen kleinen Computer in der Hand, der mich ins Netz einloggen konnte, wenn irgendwo W-Lan vorhanden war, der fotografieren und Sounddateien speichern konnte, der aber auch eine Jukebox mit meiner Musik war – und der mich an den App-Store vermittelte. Ganz ehrlich, ich hätte mir nie eines gekauft, denn mein aktuelles Telefon funktionierte noch, ich brauchte es nur zum SMS-Schreiben und Telefonieren. Und dazu nutzte ich auch zunächst mein neues Smartphone.

Bis ein Freund mir zeigte, wie viele kostenlose Apps es doch gäbe: Damals waren etwa die Biertrink-App und die Gitarren-App total beliebt, bei der sich das Telefon in ein Bierglas oder in einen Gitarrenhals verwandelt. Die einzige App, die mich überzeugte, hieß Stanza. Ein Archiv digitaler Bücher für das Smartphone, womit ich mir eine vor allem englisch- und französischsprachige mobile Ebook-Bibliothek anlegte. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit, wenn ich unterwegs war, Shakespeares Dramen oder die Fabeln von Lafontaine hätte lesen können.  Nur, ich tat es nicht. Die Zeit für solche langen Werke reichte unterwegs einfach nicht. Und der Akku reichte auch nicht. Das einzige kürzere, deutschsprachige Werk bei Stanza war die Novelle “Der Tod in Venedig” von Thomas Mann. Diese passte genau in eine Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin. Ich war so absorbiert von der Erzählung, dass ich ganz regelmäßig über das Display wischte, immer wieder eine Seite umblätterte, wie in einem “echten” Buch. Es war Lesen wie immer, nur auf einer kleineren Seite, mit weniger Gewicht und Leselampen-frei. Es war gut, und ich wollte mehr davon.

Leider fiel mir irgendwann mein iphone runter, das Glas-Display zersplitterte. Es war zwar noch zu benutzen, aber ich musste die wackeligen Stücke unter einer durchsichtigen Folie arretieren. Lesen machte damit nun gar keinen Spaß mehr. Nachdem schließlich auch der Menüknopf seinen Geist aufgab, musste ein neues Telefon her.

Und leider gingen meine gesammelte Stanzawerke dadurch verloren, dass sie sich nicht synchronisieren ließen. Aber ich konnte mir ein Telefon ohne digitale Bibliothek nicht mehr vorstellen. Mühsam suchte ich mir über ibooks erneut ein paar Klassiker der Weltliteratur zusammen, aber viel war da nicht drin, was in die Richtung einer Thomas-Mann-Novelle ging. Das meiste waren lange, englischsprachige Texte. Endlich mal wieder den viktorianischen Ästhetik-Klassiker Walter Pater’s The Renaissance. Studies in Art and Poetry lesen. Ein Zitat markieren. Und dann wieder weglegen.

Was blieb mir anderes übrig, als ein paar Eurocents auszugeben. Ich kaufte “I live by the river” von Johnny Häusler und den “Weltmüller” von Frank Fischer. Beides las ich in einem Rutsch durch, denn beide Bücher funktionieren perfekt als elektronische Lektüre. Sie sind in Etappen aufgebaut – 15 Geschichten, bzw. 3 Novellen mit kurzen Unterkapiteln. Sie sind witzig erzählt und behandeln zeitgenössische Phänomene, von der Anschaffung eines Hundes bei Häusler zu ironischer Parodierung des Kulturbetriebs bei Müller. Der Sukulturverlag verlangte 6,99 für 124 Seiten; Johnny Häusler für ein etwa 25 Prozent längeres Werk nur 0,99 Euro. Häuslers geringerer Preis erklärt sich dadurch, dass er sein Buch aus ehemaligen Blog-Texten zusammengebaut hat und dass er es als Testballon in die Selfpublishing-Sphären entsendet. Der Sukulturverlag hat ein wenig mehr in das Design des Printbuches (Cover, Schrift “Superspitzeprimatoll”) investiert, so dass diese Kosten sicherlich auch auf die elektronische Version umgelegt wurden.

Kurz: Wenn es solche Bücher gibt, werde ich in Zukunft mehr Epublesen.

Nachtrag im Juli 2013: Ende Januar 2013 habe ich meinen eigenen Digitalverlag mikrotext gegründet, der sich auf kurze Ebooks spezialisiert hat. short digital reading, erhältlich bei Amazon, iTunes, aber auch im Buchhandel und vielen, vielen anderen Ebook-Shops. Mit Titeln u.a. von Alexander Kluge, dem “syrischen Bukowski” Aboud Saeed, Franzobel, Jan Kuhlbrodt und Thomas Palzer. 

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