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Digitalverlage und eBookreihen

Freitag, 14. Februar 2014

Für seine Session “eBook only. Digitalverlage und eBook-Reihen” beim eBook-Camp München 2014, das am 15. Februar 2014 stattfindet, hat mir Jan Karsten von CULTurBooks einige Fragen zu meinem Digitalverlag mikrotext gestellt:

Jan Karsten: eBooks werden bisher von Literaturbetrieb und Lesern vor allem als bloßes Duplikat des Printbuches wahrgenommen. Dies ist langsam dabei, sich zu verändern, etablierte Printverlage und eine wachsende Anzahl von neuen Digitalverlagen experimentieren mit Formaten und Inhalten. Wie bist du “auf das eBook gekommen”, wie entstand die Idee für einen eigenen Digitalverlag und wie würdest du die Ausrichtung deines Verlags beschreiben (literarisch, experimentell, unterhaltend…)?
Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der Digitalisierung von Texten, literarischen Texten im Netz: als Germanistikstudentin habe ich 2001 eines der ersten deutschsprachigen Literaturonlinemagazine, die schriftstelle, gegründet, dann war ich länger Online-Redakteurin und Blog-Konzepterin. Und als Autorin kenne ich viele andere Autorinnen und Autoren, und weiß, dass vieles Gutes auf traditionellem Wege nicht veröffentlicht wird. 2012, als die Verlagsidee in mir aufkam und ich mir den Ebookmarkt in Großbritannien, Argentinien, Schweden mit einem Stipendium des British Council genauer anschauen konnte, war mir klar: Ich muss meine Textliebe und meine Netzliebe zusammenführen. Weg von Blogs, hin zu Ebooks. mikrotext veröffentlicht zeitgemäße Literaturen, essayistisch-journalistisch und literarisch. Für einige sind etwa Facebook-Statusmeldungen oder Spam Poetry, die bei mikrotext erscheinen, die Avantgarde, ich sehe das nicht so, für mich ist es die Gegenwart.

Cover und ePub-Produktion bei mikrotext: Andrea Nienhaus

Wo siehst du die Stärken des neuen Mediums eBook? Und wie versuchst du, diese zu nutzen? Experimentierst du mit speziellen Formen und Formaten?
Stärken: Prinzipiell globaler Vertrieb möglich, schnelle Produktion (da kein Druck), schnelle Auslieferung (per Mausklick), variable Länge.
mikrotext ist ein Verlag für kurze Lektüren (15-60 MS-Seiten), die in dieser Länge wahrscheinlich nicht gedruckt würden. Ebenso reagiert der Verlag mit seinem Vierteljahresprogramm auf aktuelle Debatten – etwa mit dem Winterprogramm zur NSA-Überwachungsaffäre mit “Mein Brief an die NSA” des Huffington Post Redakteurs Sebastian Christ und “Ungesichertes Gelände” der Übersetzerin und Autorin Isabel Fargo Cole. Es gibt keine Jahresverlagsplanung, sondern eher spontane Produktionen, meist ausgelöst von Diskussionen mit Autoren und Autorinnen in social media oder bei Veranstaltungen. Da ich als Verlegerin 90% meiner Tageslektüre online vollbringe, sind für mich Schreibformate, die im Netz entstanden sind, genuiner literarischer Teil des mikrotext-Programms, derzeit etwa 50 Prozent. Mit zwei englischsprachigen Titeln (Zeegen, Saeed) im Programm versuche ich, auch grenzübergreifend Verlag zu sein.

Wie siehst du die Zukunft deines digitalen Publizierens?
Weitermachen! Ausprobieren! Schneller sein als die großen Schiffe! Ein stolzes Mitglied der neuen Ebookszene sein! Und natürlich: erfolgreich sein.

Sind für dich die politischen Fragen rund ums eBook ein Thema? Stichworte unterschiedlicher Steuersatz, unterschiedliche Behandlung bei VG-Wort, keine Übersetzerförderung?
Auf jeden Fall. Bei der Übersetzerförderung ändert sich bestimmt bald etwas. Wir sind in einer Umbruchsphase. Auch der unterschiedliche Steuersatz ist schon in der Politik angekommen und wird verstärkt angegangen, siehe den Vorstoß von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Wo siehst du die größten Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der rein digitalen Texte und Produkte auf dem Markt und bei den Lesern?
Viel zu viele Reader auf dem Markt, keine gute Interoperabilität, zu viele geschlossene Shopsysteme, daher Ebook-Feindlichkeit bei Lesern. Und oft sorgen auch Ebook-feindliche Buchhändler, Verlage und Presse für schlechte Lobby.

Aus aktuellen Anlass noch eine weitere Frage: Immer mal wieder hört man massive Vorwürfe gegen das eBook: Diese seien “ein Unfug, ein Beschiss und ein Niedergang”, würden also mindestens das Abendland vernichten und sollten möglichst schnell wieder verschwinden. Was entgegnen Ihr solchen Kritikern?
Erstmal ein Ebook lesen. Dann reden wir weiter. Ich habe mit mikrotext-Ebooks schon Ebook-Feinde konvertiert!

Vielen Dank!
Gerne! Und viel Spaß beim eBook-Camp!

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Aus dem Buchhandelsleiden wird gerade niemand klug

Mittwoch, 14. November 2012

Endlich. Die sich ändernde Rolle des Buchhandels in Zeiten digitaler Bücher wird – verhandelt. Und zwar mit einer Kolumne des Börsenblatt-Chefredakteurs Torsten Casimir – im Börsenblatt. Online. Er ahnt “unordentliche Verhältnisse”, wenn die Arbeitsteiligkeit zurückgenommen wird, wenn also der Autor, etwa der selbstpublizierende, nun auch sein eigener Verlag und Auslieferer wird. Casimir befürchtet weiterhin ein “kaum sichtbares Risiko”, wenn das Buch nicht mehr vom Buchhändler vermittelt wird. Aber weiß er nicht, dass das Buch heute schon von Amazon-Algorythmen und -Rezensenten mehr besser als schlechter vermittelt wird? Dass Berliner Startups wie das schwedische Readmill oder das deutsche Readgeek Lesercommunities aufbauen wollen, die sich gegenseitig auf Bücher hinweisen, wahrscheinlich freundschaftlicher und passgenauer, als jeder Buchhändler es könnte? Das Netz kümmert sich nicht so richtig um die, nennen wir sie mal, physischen Kontaktstellen.

Da passiert dann das Folgende, nämlich dass sich der Buchgroßhändler Libri

mit seinem elektronischen wie auch physischen Buchangebot auf eBook.de an dieselbe Endkundschaft richtet wie der Bucheinzelhandel, (Casimir)

und damit seinen eigenen Kunden Konkurrenz macht. Wie gemein. Darf der das? Ja, er darf.

“It’s not a revolution when nobody loses”, schrieb der New Yorker Medientheoretiker Clay Shirky schon 2008 in seinem Buch “Here comes everybody”: Verlierer sind ihm nach die Arbeiter in den Industriezweigen der Verlagsindustrie, die Journalisten und diejenigen, die darunter leiden, wenn böse Menschen die neuen Veröffentlichungswege nutzen. Laut Shirky ist es also eine zwingende Folge der Medienrevolution, dass sich Arbeitsprozesse, also auch -teilungen neu organisieren.

Das bedeutet: Der klassische Sortimentsbuchhandel verändert sich und leidet; und er muss sich von innen heraus verändern. Dazu lese ich leider viel zu selten etwas im Börsenblatt. Fast täglich wird allerdings von dort vermeldet (Börsenblatt-Newsletter), dass sich die Buchhandelsketten mit Non-Books (Schürzen, Spiele, Stifte) neu aufstellen wollen. Buchhändler, kommt aus dem Knick! Probiert euch aus! Ich bin mir so sicher, dass die Leser keine Non-Books wollen, sondern Bücher, digitale und gedruckte. Arbeitet als Laden mit selbstpublizierten Autoren eurer Nachbarschaft zusammen, die ihr über die Orte-Suche bei Twitter findet, diskutiert als Buchhändlerinnen über neue Bücher auf Facebook, stellt eure Lieblings-Ebooks auf eure Webseite. Zum Beispiel. Mehr Ideen, bitte!

Aktualisiert am 15. November:

Börsenblatt-Ideen für den nächsten Buchhandel: eine Metadatenbank, die die Buchhändler differenziert, je nach Kontext, nutzen können, und ein neuer Ausschuss für Ecommerce und Ebooks. Vielleicht kamen meine Unkenrufe zu früh.

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Amazon kennt mich

Donnerstag, 8. November 2012


Aaah, Amazon kennt mich so gut wie nur ich mich selbst,daher habe ich nun eine Mail mit Leseempfehlungen bekommen, die an erster Stelle mein erstes, selbstpubliziertes Ebook “Mein Freund und der Papst” (siehe Bild) anbietet. Die Mail aus dem Hause Amazon trug so gar den gleichen Titel wie mein Buch. Wie absurd ist das denn bitte? Interessanterweise ist mir das mit meinen, auch bei Amazon erhältlichen Papierbüchern noch nie passiert. Nun frage ich mich, ob es daran liegt, dass ich meine Ebookseite so oft besucht habe, weil ich nach neuen Leserkommentaren Ausschau hielt? Oder ist die Mail eine Werbemail, die auch an andere User so herausgeht – macht Amazon also kostenlos Werbung für mich? Das müsste ich in ein paar Tagen wissen, wenn ich sehe, ob die Verkäufe zugenommen haben. Im Moment habe ich 4,55 Euro an “Tantiemen”, wie es in den Verkaufsberichten von Kindle Direct Publishing heißt, eingenommen.

Oder ist diese Mail ein ironischer Kommentar des Ebookwesens auf den analogen Buchdruck? Denn dort ist es ja mehr als häufig so, dass Autoren ihre eigenen Bücher stapelweise kaufen, um sie zu verschenken oder mit anderen Autoren zu tauschen. Nur geht das Verschenken von Ebooks halt noch nicht so richtig – nimmt man social-gifting-Plattformen wie Wrapp einmal aus, die ja, so kritisiert es Jürgen Vielmeier auf Basicthinking, voraussetzen, dass ich mich über ein soziales Netzwerk etwa Facebook anmelde. Dadurch wird das Schenken von einer privaten, persönlichen Handlung zu einer quasiöffentlichen, weil meine Geschenkhandlung natürlich mit dem sozialen Netzwerk verknüpft wird. Dass meine Geschenktat von einem Algorythmus ausgewertet wird, ist ebenso offensichtlich.

Eigentlich kann ich froh sein, dass Amazon mich gar nicht kennt. Denn natürlich würde ich nie mein eigenes Ebook kaufen. Ich habs ja schon. Und kann die Datei so oft und kostenlos verschicken, wie ich will. Ganz ohne Amazon.

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Platz 6 mit Humor

Dienstag, 9. Oktober 2012

Inspiriert von Johnny Häuslers erfolgreichem und wirklich lesbarem Selbstexperiment, einfach mal ein Ebook zu produzieren und zu schauen, was passiert (ok, so einfach ist es nicht, man muss schon alle seine Freunde und Bekannte zuspammen), hab ich gestern eine meiner Kurzgeschichten auf Amazon angeboten. Und vorher mit Basis-Designwissen ein trashiges Cover aus einem Urlaubsfoto gebastelt. Gestern fanden das zwar viele auf Facebook toll, aber ich verkaufte nur zwei Exemplare.

Heute bin ich auf dieses windige Amazon-Angebot angegangen, das Buch 90 Tage exklusiv nur bei ihnen anzubieten und es in das Ausleihprogramm mit aufnehmen zu lassen. Das funktioniert meines Wissens erst in den USA, und ich kann als Autorin nichts verdienen, wenn mein Buch ausgeliehen wird. Aber: Ich kann Anteile am Amazon-Fonds erwerben, der sich pro Monat auf 600.000 und bis Ende 2012 auf 6 Millionen Dollar beruft. Ich glaube kaum, dass jemand in den USA mein Buch ausleihen wird, außer vielleicht irgendwelche christlichen Fundamentalisten deutscher Abstammung, die denken, ich habe über die Pilgerreise meines Freundes in den Vatikan geschrieben. Gut an diesem Angebot ist aber, dass ich das Buch fünf Tage lang kostenlos anbieten kann. Und siehe da: Nach einem Tag plus Twitterei, Facebookerei und Mailerei finde ich es in der Rubrik “Humor” auf Platz 6. Die heruntergeladenen Exemplare wurden immer dann mehr, wenn ich  auf den kostenlosen Download hingewisen habe. Ohne digitalen Wirbel gehts also nicht. Und der ist ganz schön nervenaufreibend. Klick hier, klick da, hier was checken, da was aktualisieren… Puh. Insgesamt hab ich 101 Exemplare verschenkt.

Nun frage ich mich natürlich, was passieren wird, wenn ich das Buch auf einmal wieder kostenpflichtig anbiete. Rutsche ich dann aus der Gratis-Bestsellerliste heraus? Oder automatisch in die Bezahl-Bestsellerliste?

Da ich mir nicht sicher war, ob in meinem Leser- und Bekanntenkreis überhaupt Kindle-Bücher heruntergeladen werden (können), ob also überhaupt die Geräte- und Techniklage es erlaubt, bin ich nun belehrt worden. Ja, es wird gemacht. Und ich könnte mir vorstellen, dass, wenn ich einen anderen Shop benutzt hätte, es auch funktioniert hätte.

Nachtrag: 22 Uhr, die Schnapszahl 44 zeigt den Papst bei den Top 100 in der Groß-Rubrik “Belletristik”:

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Mein erstes selbstpubliziertes Buch

Samstag, 6. Oktober 2012

Ist eine kurze Kurzgeschichte, die “Mein Freund und der Papst” heißt. Sie ist seit gestern über Amazon als Ebook zu erwerben, eventuell stelle ich sie auch noch in anderen digitalen Shops hinein. Allerdings ist sie wirklich sehr kurz, nur ein paar Word-Seiten, und ich wollte einfach mal sehen, wie schwierig es ist, selbst zu publizieren. Es ist einfach! Schwierig war nur, die richtigen Kategorien auszusuchen. Ich habe die Geschichte in den Rubriken “Belletristik: Kurzgeschichte” und “Belletristik: Humor” kategorisiert, es wäre auch “Religion” oder “Erotik” in Frage gekommen. Bisher hat sich ein Exemplar verkauft, ich habe also ein paar Cent verdient. Aber leider bekomme ich meine Tantiemen erst überwiesen, wenn sie mehr als 10 Euro betragen.

Also, KAUFT!!

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Die Selbstverleger: ein Sachtext

Donnerstag, 27. September 2012

Die Verlagswelt wirkte auf ihn wie ein exklusiver Club, von dem er schon viel gehört habe. Die Türsteher aber ließen nur sehr selten jemanden nach völlig undurchschaubaren Kriterien hinein. Man selbst warte und warte, bis man eines Tages die Hintertür entdecke. Die unbewacht sei. Dies sei die Tür des Selfpublishings.

So kurzweilig unprätenziös kann wohl nur ein US-amerikanischer Autor von seinem Scheitern am klassischen Literaturbetrieb seines Landes erzählen, und zwar auf der Londoner Konferenz “Writing in a digital age“, organisiert von der Literary Consultancy. Rob Kroese hat mehrere “witzig-apokalyptische” Romane, in denen es “um Engel geht, aber auch um Explosionen”, im Selbstverlag veröffentlicht, zunächst gedruckt, dann aber digital über Amazon. Sie verkauften sich recht gut, u.a. weil Kroese den Preis sukzessiv um einen Dollar herabsenkte und weil er bereits gut mit Humor-Blogs vernetzt war (er hatte eine Art Humor-Blog-Liste im Netz angelegt, denen er sein Buch zur Besprechung anbot). Nun hat ihn der Amazon Verlag – ja, Amazon hat jetzt auch einen eigenen Verlag – unter Vertrag genommen.

Damit ist Kroese einer von vielen Selfpublishing-Stars im englisch-amerikanischen Bereich, von den deutschen Erfolgsautoren etwa Matthias Matting, Jonas Winner (100.000 Exemplare in einem knappen Jahr), Michael Linnemann, Emily Boyd, die Petra Cronenberg auf Leander Wattigs Blog erwähnt, habe ich selbst noch nichts gelesen, was aber nichts heißen soll.

Um einen eigenen Eindruck zu bekommen, was die deutschsprachigen Leserinnen und Leser elektronisch kaufen, habe ich die Amazon Kindle Charts aufgerufen, die netterweise in kostenlose und zu bezahlende Ware unterteilt ist. (Stellen Sie sich vor, in einem Buchladen stünden kostenlose Bücher neben zu verkaufenden). Was heißt das: Der digitale Leser wird durch kostenlose Bücher gelockt, damit er wieder und wieder die Shopseite besucht und irgendwann von der kostenlosen auf die kostenpflichtige Seite wechselt. Im Unterschied zu den Bestsellerlisten in Büchermagazinen gibt Amazon allerdings die Verlage, in denen die Bücher erschienen sind, nicht an. Auch sind auf den kleinen Vorschaubildern der Cover die jeweiligen Verlagslogos nicht zu erkennen. Daraus lässt sich schließen: Wer von hier einen Titel in seinen Warenkorb schiebt, schiebt, weil er den Titel, den Preis, eventuell auch das Coverbild attraktiv findet: “Fleisch und Blut: Thriller” (Daniel Dersch), 120 Tage in den Top 100, 2,69 Euro, also ein Fall für Krimi-Leser. Wie bei den Kitsch-Romanen, etwa “Plötzlich verliebt” (Petra Röder), 36 Tage in den Top 100, für 2,99 Euro, ist die Ansprache und die Ansage klar und deutlich. Häufig taucht das Genre auch als Teil des Titels auf.

Ein auffällig anderer Verkaufsschlager in den derzeitigen Charts sind die Grimms Märchen, die der Nullpapier Verlag seit 2011 digitalisiert anbietet. Für 0,99 Cent. Sie befinden sich schon seit 455 Tagen in den Top 100. Aufbereitete, günstige Klassiker finden also ebenfalls ihren Markt. Das Buch enthält die Märchen in dialektaler und hochdeutscher Version, sowie Illustrationen. Allerdings setzt der ein-Mann-Verlag auf billig: Etwa zwanzig Klassiker hat Jürgen Schulze, seines Zeichens “einziger Angestellter, Lektor, Graphiker, Programmierer, Rechtsbeistand und Chef” bereits in seiner 0,99-Cent-Edition im Angebot. Er will, das ist deutlich, Geld mit rechtefreien Texten und alten, bereits lizenzfreien Übersetzungen machen, die sicherlich auch mit ein wenig Recherche kostenlos in der Gutenberg-Bibliothek digital zu finden sind. Kommentierte Klassiker-Editionen, gut editiert, nur ein wenig teurer, könnten ihm da Konkurrenz machen.

Ich bin sehr gespannt, was auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zum Selfpublishing zu finden und zu hören ist. Zum Thema Ebook werden mehr als 280 Veranstaltungen angeboten, das ist schon einiges. Davon wiederholen sich allerdings einige immer wieder, etwa die einstündige Werbeveranstaltung für den deutschen Ebook-Dienst epubli der Holtzbrinck Gruppe, der einen kostenlosen Ebuchservice anbietet. Nicola Morgan, Dozentin für “Publishing Studies” an der Kingston University London und Autorin des “Selfpublishing Guides” (hier ein Interview mit Tipps), hatte bereits auf der diesjährigen Buchmesse in New York beobachtet, wie das Selbstpublizieren an Fahrt aufnimmt:

Was würden Sie gerne lesen? “Verknallt in den Wirt: Provinzroman”, “Schuß in den Bauch: Krimi”, “Himmel und Hölle: Psychothriller”, “Belohnung Brautstrauß: beste Unterhaltung vor der Ehe”, ad libitum. Knaller-Ebook-Titel machen ist nicht schwer, gute Bücher dagegen sehr.

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Die nächste Literatur

Dienstag, 18. September 2012

Da hat die Kulturstiftung des Bundes mal wieder den richtigen Riecher: Sie fördert den Thinktank Litflow mit Experten, Innovationen und Austausch zur “nächsten Literatur”, so das einprägsame Schlagwort der Veranstalter Guido Graf, Thomas Klupp und Stephan Porombka. Auf dem Konferenzblog, das sich ganz literarisch “Magazin” nennt, wird seit Anfang August in die Zukunft geschaut und geschrieben: Guido Graf weiß schon, wie die Rezensionen der nächsten Literatur aussehen, Karl Wolfgang Flender gibt anhand des netzgegenwärtigen US-amerikanischen Dichters Steve Roggenbuck neun Hinweise für die nächsten Autoren, Stephan Porombka antwortet auf die Thriller-Autorin Zoë Beck und erläutert die Veränderungen, die auf Verlage und Autoren zukommen.

Ich habe da mal ganz monumental meine Recherchen zum Ebook reinfließen lassen dürfen: Sind wir bald alle auf E?

Der Thinktank ist übrigens öffentlich, er findet am 28. und 29. September im Theaterdiscounter in Berlin statt. Anmeldeadresse etc. gibts hier.

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Mein Weg zum Epublesen

Montag, 30. April 2012

Es begann vor etwa drei Jahren an dem Tag, an dem ich ein iphone geschenkt bekam, als Preis beim European Blogging Competition des European Journalism Centre für meine Beiträge.  Auf einmal hatte ich da einen kleinen Computer in der Hand, der mich ins Netz einloggen konnte, wenn irgendwo W-Lan vorhanden war, der fotografieren und Sounddateien speichern konnte, der aber auch eine Jukebox mit meiner Musik war – und der mich an den App-Store vermittelte. Ganz ehrlich, ich hätte mir nie eines gekauft, denn mein aktuelles Telefon funktionierte noch, ich brauchte es nur zum SMS-Schreiben und Telefonieren. Und dazu nutzte ich auch zunächst mein neues Smartphone.

Bis ein Freund mir zeigte, wie viele kostenlose Apps es doch gäbe: Damals waren etwa die Biertrink-App und die Gitarren-App total beliebt, bei der sich das Telefon in ein Bierglas oder in einen Gitarrenhals verwandelt. Die einzige App, die mich überzeugte, hieß Stanza. Ein Archiv digitaler Bücher für das Smartphone, womit ich mir eine vor allem englisch- und französischsprachige mobile Ebook-Bibliothek anlegte. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit, wenn ich unterwegs war, Shakespeares Dramen oder die Fabeln von Lafontaine hätte lesen können.  Nur, ich tat es nicht. Die Zeit für solche langen Werke reichte unterwegs einfach nicht. Und der Akku reichte auch nicht. Das einzige kürzere, deutschsprachige Werk bei Stanza war die Novelle “Der Tod in Venedig” von Thomas Mann. Diese passte genau in eine Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin. Ich war so absorbiert von der Erzählung, dass ich ganz regelmäßig über das Display wischte, immer wieder eine Seite umblätterte, wie in einem “echten” Buch. Es war Lesen wie immer, nur auf einer kleineren Seite, mit weniger Gewicht und Leselampen-frei. Es war gut, und ich wollte mehr davon.

Leider fiel mir irgendwann mein iphone runter, das Glas-Display zersplitterte. Es war zwar noch zu benutzen, aber ich musste die wackeligen Stücke unter einer durchsichtigen Folie arretieren. Lesen machte damit nun gar keinen Spaß mehr. Nachdem schließlich auch der Menüknopf seinen Geist aufgab, musste ein neues Telefon her.

Und leider gingen meine gesammelte Stanzawerke dadurch verloren, dass sie sich nicht synchronisieren ließen. Aber ich konnte mir ein Telefon ohne digitale Bibliothek nicht mehr vorstellen. Mühsam suchte ich mir über ibooks erneut ein paar Klassiker der Weltliteratur zusammen, aber viel war da nicht drin, was in die Richtung einer Thomas-Mann-Novelle ging. Das meiste waren lange, englischsprachige Texte. Endlich mal wieder den viktorianischen Ästhetik-Klassiker Walter Pater’s The Renaissance. Studies in Art and Poetry lesen. Ein Zitat markieren. Und dann wieder weglegen.

Was blieb mir anderes übrig, als ein paar Eurocents auszugeben. Ich kaufte “I live by the river” von Johnny Häusler und den “Weltmüller” von Frank Fischer. Beides las ich in einem Rutsch durch, denn beide Bücher funktionieren perfekt als elektronische Lektüre. Sie sind in Etappen aufgebaut – 15 Geschichten, bzw. 3 Novellen mit kurzen Unterkapiteln. Sie sind witzig erzählt und behandeln zeitgenössische Phänomene, von der Anschaffung eines Hundes bei Häusler zu ironischer Parodierung des Kulturbetriebs bei Müller. Der Sukulturverlag verlangte 6,99 für 124 Seiten; Johnny Häusler für ein etwa 25 Prozent längeres Werk nur 0,99 Euro. Häuslers geringerer Preis erklärt sich dadurch, dass er sein Buch aus ehemaligen Blog-Texten zusammengebaut hat und dass er es als Testballon in die Selfpublishing-Sphären entsendet. Der Sukulturverlag hat ein wenig mehr in das Design des Printbuches (Cover, Schrift “Superspitzeprimatoll”) investiert, so dass diese Kosten sicherlich auch auf die elektronische Version umgelegt wurden.

Kurz: Wenn es solche Bücher gibt, werde ich in Zukunft mehr Epublesen.

Nachtrag im Juli 2013: Ende Januar 2013 habe ich meinen eigenen Digitalverlag mikrotext gegründet, der sich auf kurze Ebooks spezialisiert hat. short digital reading, erhältlich bei Amazon, iTunes, aber auch im Buchhandel und vielen, vielen anderen Ebook-Shops. Mit Titeln u.a. von Alexander Kluge, dem “syrischen Bukowski” Aboud Saeed, Franzobel, Jan Kuhlbrodt und Thomas Palzer. 

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Superdemokratisches Ebook

Donnerstag, 1. Dezember 2011

LSD in Guadalajara, Mexiko. Hinter dem Banner: Carlos Velazquez, Rery Maldonado und ich. Foto: Swantje Lichtenstein

Pünktlich zur Superdemokraticos-Präsentation im Rahmen des deutschen Gastlandauftrittes auf der mexikanischen Buchmesse in Guadalajara gibt es unsere Best-of-Kollektion als spanischsprachiges Ebook zum Gratis-Download. Wer das Buch auf Deutsch lesen möchte, bekommt es über den Verbrecher Verlag.

Wer lieber wild liest, dem sei das Original-Blog ans Herz und auf die Maustaste gelegt, mehr als 400 zweisprachige Essays von über 50 deutschen und lateinamerikanischen Autorinnen und Autoren, darunter Nora Bossong, Ann Cotten, René Hamann, Monika Rinck, Sabine Scho, Jo Schneider oder Deniz Utlu. (Nachtrag: Bis September 2012 wurde das Buch 162mal heruntergeladen).

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Sind Juristen die neuen Kritiker,

Mittwoch, 10. August 2011

die entscheiden, was hinreichend fiktionalisiert ist? Fragte ich mich anhand der Zunahme von Klagen gegen Verlage bezüglich der Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Aktueller Fall: Weil “eine Person” ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah, wird der Roman “Das Da-Da-Da-Sein” von Maik Brüggemeyer, Rolling-Stone-Redakteur, das eigentlich jüngst im Aufbau Verlag erscheinen sollte, jetzt nochmal überarbeitet. Natürlich vom Autor selbst, aber sicherlich auch mit juristischer Beratung im Hintergrund. Zum Glück bleibt er optimistisch und zukunftsgerichtet. Ein schlaues Zitat aus unserem Gespräch, das ich nicht in dem Tagesspiegel-Artikel verwendet habe, passt viel besser hierher, aufs Blog

Vielleicht hat man mit Ebooks bald die Chance, mehr mit dem Persönlichkeitsrecht zu spielen. Ohne den Druck ist es einfacher und billiger, etwas zu ändern.

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Frau Eggers kennt die Trends…

Donnerstag, 4. November 2010

… der Buchbranche. Eine kurze Zusammenfassung der Begrüßungsrede von Petra Eggers, Literaturagentur Eggers, promovierte Historikerin und ehemals Lektorin bei Suhrkamp und Fischer, vor den Studierenden der Angewandten Literaturwissenschaft der FU Berlin in der Villa Luftraum in Schöneberg. Hier werden sonst Hochzeiten und Firmenparties gefeiert.

- Zeit der Riesenvorschüsse ist vorbei: statt 50.000 gibt es nun 10.000 Euro
- Zahl der Literaturagenturen in Deutschland ist daher auch gesunken (etwa 20?)
- größtes Thema der Buchbranche derzeit: Digitalisierung von Büchern
- das betrifft eher die Verlage und den Vertrieb und den Buchhandel, als den Autor
- der Autor, vertreten vom Agenten, hat ja jemanden, der Tag für Tag für seine digitalen Rechte eintritt; die Lage verändert sich schrittweise, ein zähes Verhandeln
- Ebookmarkt ist in den USA schon sehr groß, aber dort ist der Vertrieb für Ebooks auch besser organisiert als in Deutschland: Hier weiß niemand so richtig, wo er seine Bücher herbekommt; die Verlage haben zu wenig darüber nachgedacht
- digitaler Markt: Chance für Nachwuchs, denn die älteren Lektoren und Verlagsmitarbeiten haben Mühe, sich in die neuen Techniken einzudenken
- mobile Lesegeräte: schnell fallende Preise, von ehemals 300 zu jetzt 100 Doller. Bald wird man ein Lesegerät sogar umsonst bekommen (wie bei einem Handyvertrag), wenn man sich zu anderen Zahlungen verpflichtet, z.B. pro Monat ein Buch aus einem Buchclub zu kaufen oder 10 Downloads zu machen
- Ebooks werden das Taschenbuch ablösen, Hardcover wird nicht verschwinden
- im Moment verkaufen sich Ebooks in Deutschland auch deshalb noch nicht so gut, weil für sie die Buchpreisbindung gilt
- Ebook-Leser kaufen grundsätzlich etwas zu viel (das ist gut für die Verlage)
- das Leseverhalten ändert sich: Der Ebook-Leser hat seine gesamte Bibliothek dabei, muss sich nicht auf ein Buch einlassen, kann mehrere Bücher gleichzeitig auf dem Display geöffnet halten und zwischen den einzelnen Werken hin- und herwandern.
- Autoren haben Lust, neue Formate zu entwickeln, die nur auf Ebooks funktionieren: Fortsetzungsromane etwa.
- In ein paar Jahren werden sich ein paar neue große Ebook-Verlage gegründet haben.

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Das Superbuch?

Freitag, 16. Oktober 2009
Pokemon Super Rat

Super-Ratten aus Tokyo, die gegen Rattengift immun sind. Die japanische Künstlergruppe CHIM  POM, hat für ihre Videoinstallation "Super Rat" einige Tiere ausgestopft und als Pokémons eingefärbt. Foto: Tokyo-Shibuya, HAU

Lesen wir ab kommenden Montag nur noch E-Bücher? Sind Ebücher, E-Books, eBooks die neuen Superbücher, vor denen traditionelle Leseratten Angst haben müssen? Wie steht es um die Zukunft des Buches?

Ich habe bisher vor allem über E-Bücher gelesen, online und offline, noch keines in der Hand gehabt, und halte den Wirbel vor allem für eine weltweite Marketingaktion, die zeigt, wie sehr wir in Zukunft unser kulturelles Verhalten von Geräten abhängig machen (werden). Nur wer ein digitales Abspielpapier kauft, kann digital lesen. Wir können nur mobil Kultur konsumieren, wenn wir die mobilen Konsumgeräte konsumieren. Ihr wisst, wovon ich spreche: Musik im Ohr, Facebook in der Tasche. Aber wie viele Geräte wollen wir eigentlich haben? Würde nicht eines reichen? (weiterlesen …)

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