Artikel-Schlagworte: „Berlin“

Atlas Projectos using Google Books

Donnerstag, 15. November 2012

Faksimile der ersten Seite der nur englischsprachigen Wiederauflage mit dem Titel “English as she is spoke” von 1883.

Der englischsprachige Berlin Independents’ Guide Bpigs hat heute mit einer Serie von Interviews angefangen, den “Book Hook Spotlights”, die verschiedene Kunstverlagsprojekte der Stadt vorstellen. Super Idee! Redakteurin und Künstlerin Rachel Simkover sprach mit Atlas Projectos, einem Projekt von drei portugiesischen Designern und Künstlenr: André Romão, Gonçalo Sena und Nuno da Luz. Ihr erfolgreichstes (ausverkauftes) Buch, so erzählen sie im Interview, war die Wiederauflage eines Textes aus dem Jahre 1853, den sie auf dem Plattencover einer New Yorker-Band entdeckt hatten und den sie dann im Netz als PDF über Google Books, eingestellt von verschiedenen US-amerikanischen und britischen Bibliotheken wiederfanden. Das Buch war sehr verbreitet mit dem Titel “English as She is Spoke, or: A Jest in Sober Ernest” (neu herausgegeben 1883, u.a. mit einer Einführung von Mark Twain), aber nicht als zweisprachige Ausgabe. Sie veröffentlichten das unfreiwillig witzige Buch, das als Sprachführer gedacht war, aber voller Übersetzungsfehler steckt, wieder auf Englisch und Portugiesisch, unter dem originären Titel “The New Guide of the Conversation on Portuguese and English” (2010). Toll, dass es broken English auch schon im 19. Jahrhundert gab, oder?

Die Lissabonner erweisen sich im Gespräch als dialogische Verleger, wenn ich sie denn mal so nennen darf. Auf die Frage, warum das Verlegen heutzutage noch wichtig ist, sagen sie:

It is about circulation. Even if we’re talking about a very small audience, it’s mostly engendering a process of exchange and feedback.

Jeder Schritt beim Buchmachen hat mit anderen Menschen und Berufen zu tun, mit Autoren, Künstlern, Übersetzern, Designern, Typographen, Herstellern, Buchbindern, Druckern, Epub-Programmierern, Buchhändlern, Facebook-Freunden, Lesungsortbesitzern, Verkäufern, Lesern etc.  So verbreitet sich schon im unfertigen Stadium das Buch als eine Idee, die kollektiv entwickelt und beendet wird.

Share

Schlagworte:, , , , ,
Veröffentlicht in Literatur | Keine Kommentare »

Ein Brief von Bismarck

Samstag, 3. November 2012

Schon wieder eine Buchmesse! Diesmal eine für alte Bücher, Handschriften (z.B. Briefe von Bismarck oder Clemens Brentanto) und Landkarten. Ich habe auch heute zum ersten Mal die Handschrift von Friedrich I. (energisch, schwungvolles S) und Friedrich III. (fette Tinte, schulmeisterlich) gesehen. Anders als auf den Buchmessen für neue Bücher gilt hier: Eintritt frei, aber Verkauf erlaubt. Die Liber Berlin, eine Antiquariatsmesse, findet gerade zum zehnten Mal statt, diesmal im Kulturforum Berlin am Matthäikirchplatz. Ich musste erstmal googlen, wo denn der Matthäikirchplatz liegt, da ich vermutete, irgendwo in Charlottenburg. Aber nein, das ist der charmante Platz neben der Nationalgalerie, den sich die Backsteinkirche, die der Platz seinen Namen gab und in der 1931 Dietrich Bonhoeffer zum Pfarrer ordiniert wurde, und ein Parkplatz teilen, und der einst ein zentraler Platz im so genannten Geheimratsviertel Mitte des 19. Jahrhunderts war. Damit ist das Konzept der Messe, das sich auf der Webseite nachlesen lässt, bei mir schonmal super aufgegangen:

Stets war und ist es das Konzept der LiberBerlin, die Antiquariatsmesse mit dem öffentlichen Leben und der Geschichte zu verbinden. Gründet doch in den Turbulenzen der Gegenwart das Sammeln antiquarischer Bücher, Graphiken und Handschriften letztlich in dem Wunsch einer ganz persönlichen Rezeption geschichtlicher Prozesse.

Die Jahre vorher trafen sich die Antiquariate mit deutschsprachigem Schwerpunkt etwa im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums  oder im Zeichensaal der provisorischen Schinkelakademie am Werderschen Markt, Orte des Stein gewordenen oder Stein werdenden Berliner Geschichtsbewusstsein (die Akademie muss ja noch für einige Milliönchen wieder aufgebaut werden).

Chur Fürstl. Resi. St. Berlin. v. Cöln. Kupferstich (von 2 Platten) von Casp. Merian, Frankfurt, Merian, 1652ff. Bildausschnitt 23,5 x 71, Blattgr. 33,5 x 75,5 cm. (c) Antiquariat Clemens Paulusch

Die Geschichte ist also das Grundthema der Liber Berlin. Gleich am Eingang bietet ein Antiquariat Stiche von Feldherren (Napoleon) feil. Wer Johann von Österreich ist, muss ich nachher mal googlen. Alle Arschlöcher, sagt mein Begleiter. Aber es gibt auch Lokalpatriotisches, hübsche Stadtansichten, etwa eine ein Meter lange Karte aus den 1650er Jahren, auf der ich mich, weil ich mir die tolle Berlin-775-Jubliäumsausstellung “Mittelalterliche Orte” im Netz angeschaut habe, recht gut zurecht finde. Links Berlin, rechts Cölln, ich kombiniere: Panorama von Norden. Wenn ich die 1450 Euro in Bar mitgehabt hätte, ich wäre jetzt Besitzerin der ältesten gedruckten Gesamtansicht Berlins und Cöllns, gekooft von Antiquariat Clemens Paulusch. Naja, nächstes Mal bin ich besser vorbereitet.

Liegt es an dem historischen Überbau, dass diese Messe vor allem ältere Menschen – mit Geld – anzieht? Sie tragen gute Lederschuhe, Tweedjackets und Understatement. Dabei ist da auch einiges für jüngere Menschen dabei: historische Kinderbücher (um die 200 Euro vom Duisburger Antiquariat Keune), ein Chanelkatalog mit der jungen Claudia Schiffer auf dem Cover oder die Partitur von Paul Hindemiths Singspiel “Wir bauen eine Stadt” (1930), in dem Kinder eine Stadt ohne Erwachsene bauen (habe dazu einen interessanten Blogeintrag gefunden, der Kontext herstellt). Wer will aber das notizbuchdicke Programmheft des Nürnberger Reichsparteitags 1938 mit der Marschierabfolge der SA kaufen?

Diese Messe ist ein Museum-zum-Durchblättern. Sie bittet um Hochachtung für sehr viel durch die Zeit gerettetes und kostbares Papier.

 

Share

Schlagworte:, , , , , , , ,
Veröffentlicht in Literatur | Keine Kommentare »

El mecanismo de estar acá

Sonntag, 16. Oktober 2011

tapa anthologie flyer

Wir glauben, dass Worten Taten folgen müssen.
Wir glauben an literarischen Aktivismus.

Es gibt Leute, die gehen rückwärts mit Sonnenbrille, andere fliegen vorwärts ohne Reservierung im Langstreckenflugzeug. Es gibt Flaneure, Verkleidete, Angeber, Bescheidene, Individualisten und Kollektivisten. Sie verbrauchen keine Erd-Ressourcen, um ihre Perspektiven zu verschieben, sondern tragen ein kleines Kraftwerk in sich, ein poetisches Licht, das auf andere abfärbt. Es sind Leute, die bewegen können, ohne sich selbst zu viel zu bewegen. Die Orte, an denen man sie findet, sind Bars, die länger als 23 Uhr geöffnet sind, Cafés mit Bühne und Klavier, Kneipen mit gutem und billigem Bier, in denen man rauchen kann, leerstehende Häuser, Privatwohnungen, kleine Büros oder digitale Räume im Netz. Diese Leute besetzen eine Lücke, damit das Leere sich füllt. Mit Gedichten, Liedern, Performances, Kurzgeschichten, mit Nachdenken, Austausch und Unterhaltung. Bühnen, Lesetische, Zeitschriften sind die Institutionen ihrer freischwebenden Nation. Auf ihrem Pass steht: Literarischer Aktivist. Im Einsatz für Ästhetik, Explosionen, Befreiung des Gefühls und Stärkung des Selbst. Ihre Profession: Lyrikerin oder Lyriker.

Am Mittwoch, den 19. Oktober um 20 Uhr stellen Los Superdemokraticos in der Kulturspelunke Rumbalotte continua (Metzer Str. 9) die Lyrik-Anthologie “El mecanismo de estar acá” vor. Sie erscheint bei Milena Berlín. Eintritt frei.

In der Anthologie sind Gedichte von 11 literarischen Aktivistinnen und Aktivisten in Berlin versammelt. Die meisten von ihnen sind nicht nur Organisatoren für den guten literarischen Zweck, sondern auch veröffentlichte Dichterinnen und Dichter. Die Übersetzungen ins Spanische stammen von Rery Maldonado. Das Buch ist das Gastgeschenk von Los Superdemokraticos auf unserem Trip Latino im November und Dezember nach Venezuela, Kolumbien, Bolivien und Mexiko.

Mit Texten von Adrijana Bohocki, Alexander Gumz, Annina Luzie Schmid, Bert Papenfuß, Clemens Kuhnert, Daniela Seel, Deniz Utlu, Isabella Vogel, Kristoffer Patrick Cornils, Rainer Stolz und Tom Bresemann. Spezialgast: Rocío Ceron (Mexiko D. F.).

Share

Schlagworte:, , , , , ,
Veröffentlicht in Literatur | Keine Kommentare »

Simplest thing

Dienstag, 28. Juni 2011

Ich habe mich im überdachten Innenhof neben einem zwanghaft plätschernden Indoor-Brunnen eines Riesenhotels in Neukölln mit dem indonesischen Objekttheatermacher PMtoh, mit richtigem Namen: Agus Nur Amal, getroffen, der im Rahmen des ersten Jakarta-Berlin Art-Festival auftritt. Während sich um uns herum immer mehr wallende Roben versammelten (zwei Abibälle), wurde sein Kaffee kalt und er zeigte mir mit Löffeln, wie er mit Gegenständen spricht. Dass ein Objekt zu einem anderen wird, nennt er “imaginative transformation”. Er steht in der Tradition des Geschichtenerzählers, Dalang, hat die Rolle aber modernisiert und stark vereinfacht. Er verzichtet auf die rituellen Elemente und kommt mit wenigen Mitteln aus: Objekte seiner Umgebung und seine Stimme. Mein Porträt über ihn erschien im Tagesspiegel. Ein interessantes Blog des US-Amerikaners Matthew Cohen, der sieben Jahre in Indonesien gelebt hat und nun Puppenspiel am Center for Creative Collaboration, London, unterrichtet, enthält viel Hintergrundmaterial zu diesen interkulturellen Theaterformen des Erzählens. PMtoh erzählt allerdings keine mythologischen Geschichten, sondern aktuelle, wie etwa den Anschlag auf das World Trade Center, festgehalten im Film “Promised Paradise“. Er will sehen, wie sich Communities zu Ereignissen verhalten.

Share

Schlagworte:, , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Journalismus | Keine Kommentare »

Maskierte Winkekatzen

Montag, 23. August 2010

Vor einigen Jahren besuchte ich eine bolivianische Familie und wollte Postkarten nach Hause schreiben. Ich saß auf dem Bett, denn einen Schreibtisch gab es nur im Elternschlafzimmer, vollgestellt mit Kosmetik und Parfumflakons, ein anderer, mit Computer, stand im Wohnzimmer, dort konnte ich mich nicht konzentrieren, dort war das Zentrum der Familie. Also balancierte ich die Postkarten auf meinen Knien, Adressbuch daneben und versuchte mit Kuli einige Zeilen festzuhalten. Das war fast unmöglich, denn immer wieder kamen Familienmitglieder zu mir und fragte mich, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wolle. Ich könne da doch nicht so alleine sein. Für sie war es unverständlich, warum ich mich absonderte in einem abgedunkelten Raum und schweigen wollte. (weiterlesen …)

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Gesellschaft | Keine Kommentare »

Logged in? How our daily lives have changed since 1989

Sonntag, 1. November 2009

What did you do on November 9th 1989? Do you remember? I was thirteen years old and sleeping snugly in my bed in Bremen, Northern Germany, West Germany, when my parents woke my younger sister and me up and allowed us to sit down in front of the television in the living room. This felt like Revolution (with a big R) in our children’s world: Usually, we were neither allowed to watch TV nor to stay up late, except on New Year’s Eve. But this wasn’t New Year’s Eve nor was the TV showing the traditional end-of-the-year comedy “Dinner for One“, where an old lady celebrates her 90th birthday in a circle of friends, each of them impersonated by her butler James who is getting totally drunk. (weiterlesen …)

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Journalismus | 1 Kommentar »

Zuse war ein Kreuzberger

Donnerstag, 22. Oktober 2009
Zuse Gedenktafel

Oder besser: Der erste Computer der Welt war ein Kreuzberger.

Share

Schlagworte:, , , , , , ,
Veröffentlicht in Allgemein | Keine Kommentare »

Einmal um den Block

Mittwoch, 9. September 2009

Wenn ich einmal um meinen Häuserblock laufe, lesen sich die Graffitis, Plakate, Tags auf den Wänden wie ein Kurzkommentar zu all dem, was Blogs heute können und tun: Meinung äußern, Informationen senden, Unterhaltung bieten, Menschen miteinander in Beziehung setzen. Weltweit. Iranische Blogger lassen sich nicht den Mund verbieten, in Deutschland entsteht eine Bürgerplattform für engagierte lokale Hilfsprojekte. Obamas Wahlkampfteam mobilisierte regionale Akteure, vor allem über ihre Vernetzung im Web. Aber nicht nur Politiker nutzen die interaktiven Möglichkeiten von Blog, Twitter, Youtube und co. Sogar Lyriker bloggen. Und jeder kann es tun: über das, was auf der Straße, bei der Arbeit, auf einer Demo, in der Freizeit, bei Konferenzen und auf Festivals passiert.

Poster- und Street-Art Impressionen von Wand zu Wand, unterlegt mit einem Berlin-Song der Indierockband Nördliche Gärten erzählen davon, was man so auf ein Blog schreiben könnte.

Share

Schlagworte:, , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Blogtheorie | 1 Kommentar »