die realität zwischen dir und mir (auf dem flug nach bolivien)

1
als ich wegnickte, hat die zeitzonennacht dich gebracht,
mein kopf, dein kopf, die ganze welt in eine schulter
gekippt mit dem push-back-sesselknopf,
in diese temperierte nische, die ich sofort finde,
wenn ich mich hinwende, bitte bleiben sie
im rhythmus, denn diese minimale tourigymnastik
dient der fortbewegung und fortpflanzung, alle 10 sekunden,
aufstehen, trinken, winken, excuse me, is this your blanket?
sogar hier, mit extremer höhe & geschwindigkeit
in einem luftdichten, heiteren luxusliner, kurz vor dem dinner,
finde ich dich in einem rechtschaffenen briten, von mir gesehen links,
verheiratet, row 13, seat D, die tochter auf dem schoß seit miami,
ihr schmeckt das amerikanische schrott-essen, sie kaut
calcium, ballast, vitamin a, b, c, gesünder als die natur
sie geschaffen hat, draußen schwärze, schattenherde,
ein märchen über berge, in dem das kalte draußen bleibt.
wir gehen zu einem schamanen, sagst du von einer wolke aus.
die stewardess singt: bitte schließen sie die jalousien,
denn wir schauen jetzt einen film.
und wenn ich später auf das meer blicke, die blitzenden
wellen, untiefen, froschteiche und länderküsten, die ich
nicht zuordnen kann, suche ich meine schlafbrille unter dem sitz.
ich werde den sessel alleine bewohnen.
auf einer seite lehne ich,
die andere halte ich frei.

2
in jeder familie gibt es einen idioten, sagst du,
und drehst dich zu den tischen der kulturen,
die sich am rand das dunkel teilen.
dann tanze ich mit deinem freund,
der mir wechselschritte zeigt und seine schöne freundin,
wie sie mit ihrer hüfte zahlen in die luft malt.
ich soll mir einfach ihr talent als vorbild nehmen, sagt sie.
der musiker mit seinen schelllackhaaren sitzt alleine,
küsst sein glas und reibt es trocken, immer wieder,
als sei es seine schüchterne geliebte.
du ziehst mich in die kuschelecke, flüsterst was von flüssen,
wo wir schwimmen könnten, jetzt sofort, von früchten
und von flügellahmen spatzen, komm schon, sagst du.
dein ausgestreckter arm zeigt auf die berge,
die ihr abendprogramm abspielen, die ohne mühe regen
an- und abstoßen können, als ob sie dir gehören.
und eigentlich kann er gar nicht tanzen, sagt der freund.
er tut so, als ob er es könnte,
nur darauf kommt es an.

3
hier ist das klima die kulisse, die sich aus der ferne
mit tiefer stimme und mit dunklen blicken ansagt.
dann hagelt es eiswürfel, fegt die hotelterasse leer,
bis ein bediensteter in gelber schutzkleidung
wie ein dick vermummter astronaut mit seiner langen stange
schweres wasser aus den markisen stößt.
erst schauen wir.
dann warten wir.
pingpong.
einer ein meister, zweiter ein poser, dritter ein spieler.
fünf-sterne-stimmung mit musik aus dem hinterland:
ich bin ein stolzer chapaco, bin jeden tag
auf meinem feld, mein kleines pferd ist auch mein stolz,
und meine frau mit ihrem haar aus seide sowieso.
schon 70 traditionsfamilien machen biolandwirtschaft,
pflücken ihre kinder wie weintrauben und geben ihnen
poetische namen, die nach telenovela klingen.
manchmal müssen sie yankee-kaugummis anbieten,
von tisch zu tisch gehen, die autos der reichen waschen, danach
reden sie, reden wie ihre väter und kommen da,
wenn überhaupt,
nur über dieses kurhotel raus, das land des lächelns.
einer von vielen in livrée findet die verlorene sonnenbrille
und bringt broschüren für festliche gelage. bald
wird hier was geheiratet,
vom vizepräsidenten.

4
klemm mir die heimat als neonröhre ans fenster
und lerne abheben, als vorbild die heiligen berge,
auch sie haben einen festen standpunkt.
und wenn ich beim start überfallen werde,
was passieren kann in den nebenstraßen,
weil ein handy mehr wert ist als ein gesicht,
dann frage ich dich einfach, wie bob dylan
in dieser situation reagieren würde,
drehe däumchen, elegant wie nix,
und verstecke mich in einem rollkoffer,
werfe meinen kopf in deine hände
und alles ist wieder
auf null.

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