Der Zustand der deutschsprachigen Literaturblogosphäre

Man muss doch Johannes Schneider dankbar sein! Er hat heute im Tagesspiegel über die Literaturblogosphäre geschrieben, der Aufhänger ist der Berliner Nachwuchsvorlesewettbewerb Open Mike, der in diesen Tagen zum 20. Mal stattfindet und sich dazu zum ersten Mal ein Blog leistet. Als ob dat was janz Neuet wäre. Und auf einmal wird Literaturbloggen ein Thema in diesem Land. Sollte man auch dem Open Mike dankbar sein? Wir werden sehen.

Natürlich kann man Johannes die Hildesheimisierung vorwerfen, weil der einzige deutschsprachige Blogger, den er erwähnt, ein Hildesheimkollege ist: Stefan Mesch, der mir bisher vor allem über seinen Twitterkanal @ebookreport aufgefallen ist. Und der jetzt als “embedded blogger” vom Open Mike berichten wird. Ich denke, das bekommt er gut hin – ist doch das Open-Mike-Blog jetzt schon ein Stefan-Mesch-Blog, bei dem er sich von Freunden interviewen lässt und lässig-lange Beiträge mit Leselisten verfasst. Merke: Listen gehen gut im Netz. (Daher hab ich auch meine Blogrolls überarbeitet). Die andere Bloggerin, die Johannes nennt, ist die wirklich höchst lesenswerte und seit Jahren aktive Übersetzerin/Vielleserin Katy Derbyshire mit Love German Books. Gut, viele sind das nicht.

Daher regen sich nun die Ungenannten auf, z.B. Katja auf Writeaboutsomething oder Gregor Keuschnig in dem dortigen Kommentarbereich (er bloggt hier) und Gesine von Prickwitz’ Interviewreihe mit bibliophilen Bloggern Steglitzmind wird von Tagesspiegelkommentaren erwähnt. Womit man mal wieder sieht, wie gut das Web 2.0 funktioniert, wenn wir es mal dialogisch nutzen und wenn es eine THESE gibt. Ich zumindest hatte in den vergangenen Jahren immer den Eindruck, dass es zwar viele Blogs über Bücher und Leseerfahrungen existieren, aber wenige, die sich wirklich einem ästhetischen Themenschwerpunkt oder aktuellen Betriebsfragen widmen. Die eigene Debatten im Netz beginnen, die dann von anderen Blogs aufgenommen werden. Es kann doch nicht sein, dass wir nun auf Debatten reagieren, wenn sie von den Zeitungsverlagen angestoßen werden…

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4 Kommentare zu „Der Zustand der deutschsprachigen Literaturblogosphäre“

  1. Was ist ein “ästhetischer Themenschwerpunkt”? Und was sind denn “Betriebsfragen”? Und wo gibt es das (außer vielleicht in einschlägigen, meist gähnend langweiligen Literaturzeitschriften, die eine Auflage von 200 kaum überschreiten)?

  2. Nikola sagt:

    Unter ästhetischem Themenschwerpunkt verstehe ich, dass man nicht alles und nichts auf seinem Blog bespricht, was einem gefällt, sondern für eine Linie an bestimmten Büchern steht, etwa “neue deutschsprachige Literatur” und sich anschaut, was denn stilistisch wirklich “neu” ist. Ein Schwerpunkt könnte auch thematisch sein: ein Blog für Biographien etwa. So ist es für den Leser leichter, sich für ein Blog zu interessieren. Ich versuche etwas seit einiger Zeit, Bücher und Themen zu besprechen, die eine Beziehung zwischen neuen Medien und Literatur herstellen. Und Betriebsfragen: alles rund um den Betrieb. Lesungen und ihr Gelingen/Misslingen, Partygespräche, Tratsch und Klatsch, Gerüchte, neue Entwicklungen. Nenn mir die Literaturzeitschrift, die das tut!

  3. Was jetzt? Zeitschriften, die ästhetische Themenschwerpunkte setzen? Die gibt es wie Sand am Meer (Volltext, Manuskripte, Merkur). Bücher, die sich mit neuen Medien auseinandersetzen? Gibt es, wenn man sie finden will (nur ein Beispiel: Herbsts Schrift(en) zum literarischen Bloggen). Alles rund um den Betrieb? Literaturgossip? Wer mit wem ins Bett gegangen ist? Nichts ist langweiliger. (Und “enthüllt” wird sowas wenn überhaupt erst dreißig Jahre später.)

    Und besteht “Bloggen”, oder, neutraler: das Schrieben im Netz nicht darin, seine Wunschhaltungen zu Gunsten eigener Initiativen zurück zu stellen? Das Wünschen alleine hat noch nie geholfen.

  4. Nikola sagt:

    Ich finde, Zeitschriften berichten auch über die gleichen Bücher, die man überall rezensiert bekommt. Und sie sind nicht im Netz, was es schwierig macht, sich auf sie im Netz zu beziehen. Eine eigene ästhetische Debatte im Netz, Schwerpunkte (s.o.), die sich über verschiedene Blogs ziehen, mal hier, mal da, rhizomartig, dann wieder Pingpong, das wäre schon meine Zukunftsvision für die deutschsprachige Literaturblogosphäre. Wünschen hilft schon, weil es ein Artikulieren ist. Und ich, versprochen, steige jetzt ein in das Literaturbloggen. Hätte ich eh schon längst tun sollen. Bald auch auf anderer Domain. Und Sex im Literaturbetrieb: ist superinteressant (du musst es ja nicht lesen), ich meinte auch eher andere inner-Betriebliche Themen, neue Entwicklungen, von denen man hört, wer schreibt an einem neuen Buch, welche Kritiker tanzen noch auf der spätesten Buchmessenparty…
    Was meinst du eigentlich mit “eigenen Initiativen”?

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