Warum ein Internet-Manifest?

Ein Manifest zu schreiben, heißt, seine Meinung in klaren Punkten kundtun, heißt, zur Gegenmeinung auffordern, heißt, laut um inhaltliche Aufmerksamkeit buhlen, ist auch Aufforderung zur Aktion. Am 7. September haben 15 einflussreiche deutsche Bloggerinnen und Blogger ein Internet-Manifest veröffentlicht. Erstmal: Toll, dass die Domain noch frei war! Toll auch, dass es auf sieben Sprachen zur Verfügung steht – Vielsprachigkeit ist neu in der sehr deutschen Blogosphäre.

Aber was steht drin? Mit “17 Behauptungen” will es uns erklären, wie Journalismus im Internet funktioniert. Julia Seeliger ordnete es in der taz in die Debatte um geistiges Eigentum im Internet ein, zusammenhängend mit den stärkere Kontrolle fordernden Äußerungen wie dem Heidelberger Appell, der Hamburger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums und Frank-Walter Steinmeiers Angriff auf Googles Allmacht. Sie findet, die Kollegen hätten es besser gekonnt. Das Blog Print würgt kommentiert das Dokument Wort für Wort. Meine Meinung dazu ist schnell geschrieben: Mir kommt die gesamte Aktion, so kurz vor der Bundestagswahl, wie ein Wahlwerbespot für die Piraten vor. Hätte man die Thesen nicht besser auf ihrer Parteiwebseite veröffentlichen sollen?

Und warum es eigentlich Manifest nennen? Hinter einem Manifest stehen immer konkrete Handlungsaufforderungen, auch Handlungszusagen, eben jener, die das Manifest unterzeichnet haben. So war das schon beim Futuristischen Manifest von Marinetti, beim Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, und bei Walter Gropius’ Bauhaus-Manifest, das die Trennung zwischen Künstlern und Handwerkern aufbrechen wollte. Das Internet-Manifest will aber vor allem, dass sich die anderen anders verhalten, die Unterzeichnenden versprechen keine Besserung.

MeinVorschlag: Machen wir einfach aus einem alten ein neues Manifest. Tauschen wir im Gropius-Originaltext mal “Kunst” mit “Bloggen” und “Handwerk” mit “Journalismus” aus:

Architekten, Bildhauer, Maler, wir Blogger müssen zum Journalismus zurück! Denn es gibt keinen ‘Blogger von Beruf’. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Blogger und dem Journalisten. Der Blogger ist eine Steigerung des Journalisten. Gnade des Himmels läßt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits seines Wollens stehen, unbewußt Blogs aus dem Werk seiner Hand erblühen, die Grundlage des Journalismus-mäßigen aber ist unerläßlich für jeden Blogger. Dort ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens.

Also nicht: Der Journalismus muss sich wandeln, sondern jeder Blogger muss seinen Journalismus kennen, erst dann ist er ein wahrer Blogger. (Der Text funktioniert übrigens auch, wenn man die beiden Berufe austauscht; dann heißt es: “Die Grundlage des Blog-mäßigen ist unerlässlich für jeden Journalisten”. Und damit hat der Text auch recht.)

Share

Schlagworte: , , , , , , , , ,

Kommentieren

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.