Archiv für die Kategorie „Video“

Lösch dein Feuer nicht!

Donnerstag, 15. April 2010

In Brasilien ist alles anders: Überall liebt man in Südamerika die Cumbia, eine Art Schlagermusik, in Brasilien liebt man Tecno Brega. Überall werden Gesetze von oben herab entworfen, in Brasilien schreiben die Bürger online an einem neuen Internetgesetz. Ronaldo Lemos, brasilianischer Netz-, Creative-Commons-Experte und Regierungsberater in Internetdingen, zeigte  in seinem Vortrag auf der Berliner Blogger-Konferenz re:publica, wie Free Culture in Brasil funktioniert:

Er veranschaulichte anhand der Entwicklung des brasilianischen Tecno Brega-Markts, wie sich der Kult für Technologie auf Soundsystem-Parties in einen starken Musikwirtschaftszweig entwickelt. Die DJs produzieren ihre eigenen CDs, für 30 Dollar in einem Aufnahmestudio und geben sie dann, ohne an den Einnahmen beteiligt zu werden, an die Straßenverkäufer weiter. Dort werden diese simplen CDs – ohne großartige Cover oder Booklets  – billig unter das Volk gebracht. Natürlich verkaufen auch die Künstler direkt: Dann aber teurer und mit interessanten Grafiken, mit Designs und Extras. Der DJ verdient an seiner billigen CD erst dann, wenn sie dazu führt, dass Investoren ihm Parties organisieren. Die Investoren verdienen an den Eintrittskarten.

Dieses mehrgleisige, vielmediale Geschäftsmodell führt, so Lemos, zu einer schnellen Anpassung an neue – auch digitale – Strukturen. Die beliebteste brasilianische Gruppe ist Calypso, ein “Produkt dieser Szene.” Ähnliche Szenen gäbe es natürlich auch in anderen “globalen Peripherien”, so etwa Bubblin’ (Surinam), Kwaito (Südafrika), Coupe decalé (Elfenbeinküste) oder Cumbia Villera (Argentinien), welche heute vor allem direkt übers Handy per Bluetooth heruntergeladen, der Straßenverkäufer ist dort, so Lemos, schon fast weggefallen.

Brasilien selbst passt sich derzeit auch sehr schnell an digitale Strukturen an, der Entwurf des neuen Internet-Gesetzes (Marco Civil da Internet) wird in 2 Phasen à 45 Tagen mit den Bürgern online diskutiert. In der ersten Phase erhielt gingen 800 Kommentare mit Vorschlägen ein, die in einem Entwurf verarbeitet wurden. Dieser ist seit dem 8. April 2010 online. Die zweite Phase dient nun der Diskussion des Entwurfes – der dann schlussendlich ganz klassisch vom Parlament diskutiert und verabschiedet werden soll.

Sagen wir es mit ein bisschen Cumbia: Lösch dein Feuer nicht!

Share

Schlagworte:, , , , , , ,
Veröffentlicht in Video | Keine Kommentare »

Keine Angst vor Viren

Samstag, 26. September 2009

Viren funktionieren. Seit einiger Zeit schwappt ein Werbe-Trend in die Kulturvermarktung, der sich viral marketing nennt. Der Stern interpretierte ihn 2008 als die “Youtube-isierung Hollywoods“, in Zusammenhang mit der Werbung für einen Film von J. J. Adams.

Viral sein geht so: Botschaften produzieren, die sich wie Viren verbreiten, allerdings müssen es nette, hübsche, unterhaltsame oder intelligente Viren sein. Die jeder haben will. Ein bisschen wie Hermann, ein Trend-Kuchenteig der 1990er Jahre, den man mit Zucker, Mehl und Milch fütterte. Einen Teil des Teigs backte, einen Teil behielt und einen Teil verteilte man weiter an Freunde (hier ein Rezept). Virale Botschaften, oft Videos, unterstützen ein Produkt mit einer eigenen Botschaft, sie bewerben es sozusagen indirekt. Beispiele sind das Video der PEN Story, für eine Fotokamera von Olympus oder die Myspace-Videoshow von Markus Kavka, “gesponsert” von einem Walkman Handy von Sony Ericsson. Diese Botschaften werden, wenn sie witzig und gut gemacht sind, von anderen Menschen auf ihren Web-Plattformen verlinkt, auf Blogs gepostet, versendet und erreichen somit Tausende Zuschauer – und eventuelle Käufer. Das nennt man dann “Word of Mouth”.

Im Kulturbereich ist das virale Marketing noch eher selten, bzw. sind mir noch nicht so viele Beispiele bekannt. Da gibt es das Video, auf dem Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt sein Buch “Der Kaiser von China” auf Chinesisch mit von ihm eingesprochener Synchronstimme vorstellt (6.000 Aufrufe). Auch zum Prokrastinationsbuch (ist keine Krankheit) von Lobo und Passig gabs ein Video (86.000 Aufrufe). Europäisch: Den Piano-Battle zwischen den Musikern Gonzales und Jean-François Zygel. Die Mockumentaries für Mocky, einen in Berlin lebenden Musiker (beide Tipps von Can Gezer, Sprecher auf der Startconference in Duisburg). Wer kennt noch mehr interessante Kultur-Viren? Oder ist Kultur nicht immer etwas, das sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda eher als durch Plakate (nicht-virale Werbung) verbreitet? Was gut ist, spricht sich rum. Kommt vom Underground in den Mainstream – oder wird in den Kanon geadelt. So war das doch schon immer, oder? Was gut ist, wird – irgendwann – entdeckt.

Youtube-Berühmtheit erlangte zuletzt der Wedding Dance, der auf Youtube 25 Millionen Mal angeschaut wurde: eine Hochzeitsgesellschaft tänzelt zum Song “Forever” von Chris Brown durch den Kirchengang. Nicht nur Brown-Produzent Sony verdiente an dieser Vermählung, weil alle die Musik haben wollten. Nach dem Erfolg des Videos baute das Paar eine eigene Seite, auf der es um Spenden für eine Stiftung bittet, die sich gegen häusliche Gewalt einsetzt. Liebe, Tanzen, guter Zweck: Diesem Virus kann man nicht widerstehen. Abrams Film “Cloverfield” war übrigens eher ein Flop.

Share

Schlagworte:, , , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht in Kulturmarketing, Video | 4 Kommentare »