Archiv für Februar 2014

Digitalverlage und eBookreihen

Freitag, 14. Februar 2014

Für seine Session “eBook only. Digitalverlage und eBook-Reihen” beim eBook-Camp München 2014, das am 15. Februar 2014 stattfindet, hat mir Jan Karsten von CULTurBooks einige Fragen zu meinem Digitalverlag mikrotext gestellt:

Jan Karsten: eBooks werden bisher von Literaturbetrieb und Lesern vor allem als bloßes Duplikat des Printbuches wahrgenommen. Dies ist langsam dabei, sich zu verändern, etablierte Printverlage und eine wachsende Anzahl von neuen Digitalverlagen experimentieren mit Formaten und Inhalten. Wie bist du “auf das eBook gekommen”, wie entstand die Idee für einen eigenen Digitalverlag und wie würdest du die Ausrichtung deines Verlags beschreiben (literarisch, experimentell, unterhaltend…)?
Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der Digitalisierung von Texten, literarischen Texten im Netz: als Germanistikstudentin habe ich 2001 eines der ersten deutschsprachigen Literaturonlinemagazine, die schriftstelle, gegründet, dann war ich länger Online-Redakteurin und Blog-Konzepterin. Und als Autorin kenne ich viele andere Autorinnen und Autoren, und weiß, dass vieles Gutes auf traditionellem Wege nicht veröffentlicht wird. 2012, als die Verlagsidee in mir aufkam und ich mir den Ebookmarkt in Großbritannien, Argentinien, Schweden mit einem Stipendium des British Council genauer anschauen konnte, war mir klar: Ich muss meine Textliebe und meine Netzliebe zusammenführen. Weg von Blogs, hin zu Ebooks. mikrotext veröffentlicht zeitgemäße Literaturen, essayistisch-journalistisch und literarisch. Für einige sind etwa Facebook-Statusmeldungen oder Spam Poetry, die bei mikrotext erscheinen, die Avantgarde, ich sehe das nicht so, für mich ist es die Gegenwart.

Cover und ePub-Produktion bei mikrotext: Andrea Nienhaus

Wo siehst du die Stärken des neuen Mediums eBook? Und wie versuchst du, diese zu nutzen? Experimentierst du mit speziellen Formen und Formaten?
Stärken: Prinzipiell globaler Vertrieb möglich, schnelle Produktion (da kein Druck), schnelle Auslieferung (per Mausklick), variable Länge.
mikrotext ist ein Verlag für kurze Lektüren (15-60 MS-Seiten), die in dieser Länge wahrscheinlich nicht gedruckt würden. Ebenso reagiert der Verlag mit seinem Vierteljahresprogramm auf aktuelle Debatten – etwa mit dem Winterprogramm zur NSA-Überwachungsaffäre mit “Mein Brief an die NSA” des Huffington Post Redakteurs Sebastian Christ und “Ungesichertes Gelände” der Übersetzerin und Autorin Isabel Fargo Cole. Es gibt keine Jahresverlagsplanung, sondern eher spontane Produktionen, meist ausgelöst von Diskussionen mit Autoren und Autorinnen in social media oder bei Veranstaltungen. Da ich als Verlegerin 90% meiner Tageslektüre online vollbringe, sind für mich Schreibformate, die im Netz entstanden sind, genuiner literarischer Teil des mikrotext-Programms, derzeit etwa 50 Prozent. Mit zwei englischsprachigen Titeln (Zeegen, Saeed) im Programm versuche ich, auch grenzübergreifend Verlag zu sein.

Wie siehst du die Zukunft deines digitalen Publizierens?
Weitermachen! Ausprobieren! Schneller sein als die großen Schiffe! Ein stolzes Mitglied der neuen Ebookszene sein! Und natürlich: erfolgreich sein.

Sind für dich die politischen Fragen rund ums eBook ein Thema? Stichworte unterschiedlicher Steuersatz, unterschiedliche Behandlung bei VG-Wort, keine Übersetzerförderung?
Auf jeden Fall. Bei der Übersetzerförderung ändert sich bestimmt bald etwas. Wir sind in einer Umbruchsphase. Auch der unterschiedliche Steuersatz ist schon in der Politik angekommen und wird verstärkt angegangen, siehe den Vorstoß von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Wo siehst du die größten Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der rein digitalen Texte und Produkte auf dem Markt und bei den Lesern?
Viel zu viele Reader auf dem Markt, keine gute Interoperabilität, zu viele geschlossene Shopsysteme, daher Ebook-Feindlichkeit bei Lesern. Und oft sorgen auch Ebook-feindliche Buchhändler, Verlage und Presse für schlechte Lobby.

Aus aktuellen Anlass noch eine weitere Frage: Immer mal wieder hört man massive Vorwürfe gegen das eBook: Diese seien “ein Unfug, ein Beschiss und ein Niedergang”, würden also mindestens das Abendland vernichten und sollten möglichst schnell wieder verschwinden. Was entgegnen Ihr solchen Kritikern?
Erstmal ein Ebook lesen. Dann reden wir weiter. Ich habe mit mikrotext-Ebooks schon Ebook-Feinde konvertiert!

Vielen Dank!
Gerne! Und viel Spaß beim eBook-Camp!

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