Archiv für November 2012

Aktuell

Donnerstag, 22. November 2012

November 2012 bis Januar 2013: Konzeption des neuen Webauftritts der Zeitschrift Kulturaustausch und App-Entwurf zusammen mit der Agentur bock&gärtner

Es war einmal mein Online-Literaturmag, das ich schriftstelle nannte. Es lebte zwischen 2001 und 2003, programmiert und designt von ein paar Freunden, welche ihre unabhängige Musikwebseite bubblehouse betrieben. Jetzt ist die schriftstelle zurück als Blog.

16. November: Writing Left-Tage im Brechthaus: Rery und ich lasen zum Thema “Links, rechts, geradeaus. Lust und Last politischer Kategorien” diesen Text vor.

Oktober: In der sehr bewegenden, aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Kulturaustausch Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod liest sich ein Interview, das ich mit der Psychologin Joyce Chu über kulturelle Unterschiede beim Selbstmord geführt habe.

19. September: Eine aufgeregte Postbotin liefert die fünfte Nummer der Literaturzeitschrift randnummer. Darin Erstabdrucke aus dem Nachlass Walter Höllerers, ein Essay von Charles Bernstein, aber auch zwei Prosagedichte des kolumbianischen Autors John Jairo Rodriguez Saavedras in meiner Übersetzung.

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schriftstelle is back!

Dienstag, 20. November 2012

Es war einmal mein Online-Literaturmag, das ich schriftstelle nannte. Es lebte zwischen 2001 und 2003, programmiert und designt von ein paar Freunden, welche ihre unabhängige Musikwebseite bubblehouse betrieben.

Die schriftstelle war ein alternativer Buchreport, der asynchron die Verlagsvorschauen las, sie nach Themen filterte, die etwa hießen “Gefangen”, “Provinz” oder “Kinder”. Es gab Rezensionen über neue Bücher von Jonathan Franzen, Anne Carson oder Daniel Falb, Rezensenten wie Tobias Lehmkuhl oder Mark-Georg Dehrmann, Interviews zum Beispiel mit Georg Klein, Tilman Rammstedt oder Thomas Böhm und Leseproben von Björn Kuhligk, Natasza Goerke oder Monika Rinck. Jedem Thema näherte sich die schriftstelle mit Original-Essays, Webtipps und Fotogalerien. Und es gab sogar eine Kommentarfunktion!

Jetzt ist die schriftstelle wieder da. Als Blog. Und mit vielen neuen Funktionen. Und erstmal nur einer Autorin. Und mit alten (vor Ort, Essay, Kritik) sowie neuen Kategorien (Ebooks, Buchhandel, Verlage, Literaturblogging).

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Atlas Projectos using Google Books

Donnerstag, 15. November 2012

Faksimile der ersten Seite der nur englischsprachigen Wiederauflage mit dem Titel “English as she is spoke” von 1883.

Der englischsprachige Berlin Independents’ Guide Bpigs hat heute mit einer Serie von Interviews angefangen, den “Book Hook Spotlights”, die verschiedene Kunstverlagsprojekte der Stadt vorstellen. Super Idee! Redakteurin und Künstlerin Rachel Simkover sprach mit Atlas Projectos, einem Projekt von drei portugiesischen Designern und Künstlenr: André Romão, Gonçalo Sena und Nuno da Luz. Ihr erfolgreichstes (ausverkauftes) Buch, so erzählen sie im Interview, war die Wiederauflage eines Textes aus dem Jahre 1853, den sie auf dem Plattencover einer New Yorker-Band entdeckt hatten und den sie dann im Netz als PDF über Google Books, eingestellt von verschiedenen US-amerikanischen und britischen Bibliotheken wiederfanden. Das Buch war sehr verbreitet mit dem Titel “English as She is Spoke, or: A Jest in Sober Ernest” (neu herausgegeben 1883, u.a. mit einer Einführung von Mark Twain), aber nicht als zweisprachige Ausgabe. Sie veröffentlichten das unfreiwillig witzige Buch, das als Sprachführer gedacht war, aber voller Übersetzungsfehler steckt, wieder auf Englisch und Portugiesisch, unter dem originären Titel “The New Guide of the Conversation on Portuguese and English” (2010). Toll, dass es broken English auch schon im 19. Jahrhundert gab, oder?

Die Lissabonner erweisen sich im Gespräch als dialogische Verleger, wenn ich sie denn mal so nennen darf. Auf die Frage, warum das Verlegen heutzutage noch wichtig ist, sagen sie:

It is about circulation. Even if we’re talking about a very small audience, it’s mostly engendering a process of exchange and feedback.

Jeder Schritt beim Buchmachen hat mit anderen Menschen und Berufen zu tun, mit Autoren, Künstlern, Übersetzern, Designern, Typographen, Herstellern, Buchbindern, Druckern, Epub-Programmierern, Buchhändlern, Facebook-Freunden, Lesungsortbesitzern, Verkäufern, Lesern etc.  So verbreitet sich schon im unfertigen Stadium das Buch als eine Idee, die kollektiv entwickelt und beendet wird.

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Aus dem Buchhandelsleiden wird gerade niemand klug

Mittwoch, 14. November 2012

Endlich. Die sich ändernde Rolle des Buchhandels in Zeiten digitaler Bücher wird – verhandelt. Und zwar mit einer Kolumne des Börsenblatt-Chefredakteurs Torsten Casimir – im Börsenblatt. Online. Er ahnt “unordentliche Verhältnisse”, wenn die Arbeitsteiligkeit zurückgenommen wird, wenn also der Autor, etwa der selbstpublizierende, nun auch sein eigener Verlag und Auslieferer wird. Casimir befürchtet weiterhin ein “kaum sichtbares Risiko”, wenn das Buch nicht mehr vom Buchhändler vermittelt wird. Aber weiß er nicht, dass das Buch heute schon von Amazon-Algorythmen und -Rezensenten mehr besser als schlechter vermittelt wird? Dass Berliner Startups wie das schwedische Readmill oder das deutsche Readgeek Lesercommunities aufbauen wollen, die sich gegenseitig auf Bücher hinweisen, wahrscheinlich freundschaftlicher und passgenauer, als jeder Buchhändler es könnte? Das Netz kümmert sich nicht so richtig um die, nennen wir sie mal, physischen Kontaktstellen.

Da passiert dann das Folgende, nämlich dass sich der Buchgroßhändler Libri

mit seinem elektronischen wie auch physischen Buchangebot auf eBook.de an dieselbe Endkundschaft richtet wie der Bucheinzelhandel, (Casimir)

und damit seinen eigenen Kunden Konkurrenz macht. Wie gemein. Darf der das? Ja, er darf.

“It’s not a revolution when nobody loses”, schrieb der New Yorker Medientheoretiker Clay Shirky schon 2008 in seinem Buch “Here comes everybody”: Verlierer sind ihm nach die Arbeiter in den Industriezweigen der Verlagsindustrie, die Journalisten und diejenigen, die darunter leiden, wenn böse Menschen die neuen Veröffentlichungswege nutzen. Laut Shirky ist es also eine zwingende Folge der Medienrevolution, dass sich Arbeitsprozesse, also auch -teilungen neu organisieren.

Das bedeutet: Der klassische Sortimentsbuchhandel verändert sich und leidet; und er muss sich von innen heraus verändern. Dazu lese ich leider viel zu selten etwas im Börsenblatt. Fast täglich wird allerdings von dort vermeldet (Börsenblatt-Newsletter), dass sich die Buchhandelsketten mit Non-Books (Schürzen, Spiele, Stifte) neu aufstellen wollen. Buchhändler, kommt aus dem Knick! Probiert euch aus! Ich bin mir so sicher, dass die Leser keine Non-Books wollen, sondern Bücher, digitale und gedruckte. Arbeitet als Laden mit selbstpublizierten Autoren eurer Nachbarschaft zusammen, die ihr über die Orte-Suche bei Twitter findet, diskutiert als Buchhändlerinnen über neue Bücher auf Facebook, stellt eure Lieblings-Ebooks auf eure Webseite. Zum Beispiel. Mehr Ideen, bitte!

Aktualisiert am 15. November:

Börsenblatt-Ideen für den nächsten Buchhandel: eine Metadatenbank, die die Buchhändler differenziert, je nach Kontext, nutzen können, und ein neuer Ausschuss für Ecommerce und Ebooks. Vielleicht kamen meine Unkenrufe zu früh.

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Wenn Hunde bellen

Sonntag, 11. November 2012

Gestern feierte der Open Mike seinen 20. Geburtstag im Heimathafen Neukölln. “Geschlossene Gesellschaft” war auf einen DinA-4-Zettel, der an der Eingangstür zum großen Theatersaal hing, mit Filzstift geschrieben. Es ist schade, dass der Wettbewerb, der seit Jahren immer mehr Publikum anzieht und daher in den vergangenen Jahren mehrmals seinen Schauplatz vergrößern musste (Villa am Majakowskiring, Wabe, Zwischenstopp in der Schokofabrik, Heimathafen), nicht auch mit diesem Publikum feiern wollte, das zum ersten Lesungstag wieder in Scharen gekommen war. Also blieb der Saal erstmal halbleer, bis die – sicherlich zum Großteil in Neukölln wohnenden – befreundeten Jungautoren per SMS informiert worden waren, dass die Party zwar spröde, die Getränke aber kostenlos waren. Da wurde es voller, Poetengruppen standen vor der Tür und rauchten, ich lachte mit dem Lyrikpreisträger 2011 über das Wort BioZisch, lernte von Shane Anderson, dass Blogs in den USA tot seien, außer solche mit genialen Namen wie Brightstupidconfetti (Zitat von Sylvia Plath), in den USA gehe es jetzt ums Live-Twittern. Aber das muss uns in Deutschland ja nicht kümmern.

Ich habe gestern nur die letzten drei Lesungen gehört, sitzend vor der Open-Mike-der-Blogger-Ecke (Victor Kümel, Stefan Mesch, Elena Philipp, Fabian Thomas), deren Tastaturklacken den passenden Schreib-Soundtrack unter alle Texte legte. Ich war wegen Verena Güntner gekommen, die ich kenne, ohne ihre Texte bisher gekannt zu haben – und ich muss hier sagen: Ihr Romanausschnitt “Es bringen” bringts. Ein 16-Jähriger Ich-Erzähler in einer Hochhaussiedlung, dessen Motto “Ich bin der Trainer. Ich bin die Mannschaft” lautet, der Fickwetten gewinnt, aber dem es warm im Bauch wird, wenn er mit seiner Mutter, die die gleiche Zahnlücke hat wie er, im Flur pfeift: “Wir müssen beim Supertalent mitmachen, echt jetzt”. Sätze, die echt klingen, Figuren voller beschissenem Leben. Und endlich keine betuliche Selbstbeschauprosa. Keine bellenden Hunde. Und echtes Pathos. Dieses Manuskript will ich ganz lesen. Ansonsten wurde mir beim Empfang der Name von Yevgenij Breyger zugeflüstert. Heute Abend wissen wir mehr. Bis dahin muss die Jury zuhören – und schweigen, was für Marcel Beyer, diesjähriger Juror, das schwierigste ist (hier das Interview auf dem Open-Mike-Blog).

Wie es sich für Geburtstage gehört, lief eine mit Dudelmusik untermalte Fotoslideshow (hier online), zusammengestellt von gezett, dem Hausfotografen der Literaturwerkstatt, im Großformat über die Bühnenleinwand. Alle staunten und schwiegen ob der jungen Gesichter von annodazumals: Uwe Kolbe, Thomas Wohlfahrt, Tilman Rammstedt, Björn Kuhligk, Kirsten Fuchs. Schon süß. Die Urgesteine aus dem ersten Open-Mike-Jahrgang 1993, Lektor Thorsten Arendt (Wallstein) und die Gewinnerautorin Katrin Röggla durften dann noch ein wenig reminiszieren und fragten sich, inwiefern Bergbaumetaphern auf den Wettbewerb zuträfen oder ob es auch einen W.G.Sebald (beim Bachmannwettbewerb 1990 übersehen) des Open Mike gäbe.

Was sich meiner Meinung nach geändert hat, ist die over all Dankbarkeit, überhaupt teilgenommen zu haben. Denn “Finalistin beim Open Mike” ist seit einigen Jahren ein verbreiteter Biographiezusatz. Das war zu meiner Zeit (2000) nicht so, aber da gabs ja auch noch keine Anthologie, keine Gewinner-Lesereisen, keine Workshops. Dankbarkeit ist ja auch erstmal was Schönes und ein so anerkannter Wettbewerb für junge Literatur auch. Glückwunsch an dieser Stelle! Aber es gibt ja noch viel mehr Wege, um mit seinen Texten zu landen, ohne sich gleich dem Literturbetrieb in seiner Totalität und seinem sadomasochistischen Zuhörergeist aussetzen zu müssen, etwa Lesebühnen, Werkstätten wie Parlandopark oder lauter niemand in Berlin. Oder ein privater Schreibkreis. (Macht das überhaupt noch jemand?) Da wird auch mehr über die Texte gesprochen, einfach weil mehr Zeit ist.

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Der Zustand der deutschsprachigen Literaturblogosphäre

Freitag, 9. November 2012

Man muss doch Johannes Schneider dankbar sein! Er hat heute im Tagesspiegel über die Literaturblogosphäre geschrieben, der Aufhänger ist der Berliner Nachwuchsvorlesewettbewerb Open Mike, der in diesen Tagen zum 20. Mal stattfindet und sich dazu zum ersten Mal ein Blog leistet. Als ob dat was janz Neuet wäre. Und auf einmal wird Literaturbloggen ein Thema in diesem Land. Sollte man auch dem Open Mike dankbar sein? Wir werden sehen.

Natürlich kann man Johannes die Hildesheimisierung vorwerfen, weil der einzige deutschsprachige Blogger, den er erwähnt, ein Hildesheimkollege ist: Stefan Mesch, der mir bisher vor allem über seinen Twitterkanal @ebookreport aufgefallen ist. Und der jetzt als “embedded blogger” vom Open Mike berichten wird. Ich denke, das bekommt er gut hin – ist doch das Open-Mike-Blog jetzt schon ein Stefan-Mesch-Blog, bei dem er sich von Freunden interviewen lässt und lässig-lange Beiträge mit Leselisten verfasst. Merke: Listen gehen gut im Netz. (Daher hab ich auch meine Blogrolls überarbeitet). Die andere Bloggerin, die Johannes nennt, ist die wirklich höchst lesenswerte und seit Jahren aktive Übersetzerin/Vielleserin Katy Derbyshire mit Love German Books. Gut, viele sind das nicht.

Daher regen sich nun die Ungenannten auf, z.B. Katja auf Writeaboutsomething oder Gregor Keuschnig in dem dortigen Kommentarbereich (er bloggt hier) und Gesine von Prickwitz’ Interviewreihe mit bibliophilen Bloggern Steglitzmind wird von Tagesspiegelkommentaren erwähnt. Womit man mal wieder sieht, wie gut das Web 2.0 funktioniert, wenn wir es mal dialogisch nutzen und wenn es eine THESE gibt. Ich zumindest hatte in den vergangenen Jahren immer den Eindruck, dass es zwar viele Blogs über Bücher und Leseerfahrungen existieren, aber wenige, die sich wirklich einem ästhetischen Themenschwerpunkt oder aktuellen Betriebsfragen widmen. Die eigene Debatten im Netz beginnen, die dann von anderen Blogs aufgenommen werden. Es kann doch nicht sein, dass wir nun auf Debatten reagieren, wenn sie von den Zeitungsverlagen angestoßen werden…

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Die Rückkehr der Ehrlichkeit

Freitag, 9. November 2012

So heißt ein Artikel der Journalistin Christine Truong über ein Gedicht des “Kafka der iphone-Generation” Tao Lin. Der New Yorker Autor schreibt seit vielen Jahren auf seinem Blog heheheheheheheeheheheehehe, ist Herausgeber des 2008 gegründeten Online-Literaturmagazins Muumuu House, wo er unter anderem die Twitter-Feeds oder Gmail-Chats befreundeter Autoren in Auswahl herausgibt.

Er hört sich so an, als ob er einen Virus nicht loswürde, der ihn dazu zwingt, nur auf sich zu hören, denn es geht immer um sein kleines Ich, das sich fürchtet, alleine ist, arbeitet oder nicht, das die Welt in Fetzen wahrnimmt und Wahrnehmungsfetzen gleich wieder zurückspeit. Jede Metapher, die er benutzt, ist ein direkter Anschluss an die Realität, zumindest an seinen Gefühlshaushalt. Ironie, tschüss, Sarkasmus, adé. Hier ist einer, der sich selbst wieder glaubt. Nur sich selbst. Ehrlichkeit mit sich selbst ist für ihn ein Wert, eine Haltung. Man könnte glauben, dass einer, der so um sich selbst kreist, langweilig wird, larmoyant und anstrengend (Heul doch zu Hause!), aber nein, seine Twitterschreibe, schnell rausgehauen, aphoristisch und versucht nah, macht süchtig, weil sie poetisch ist, klug und verrückt, und für jeden in ihrer Absurdität verständlich. Wir alle sind so. Nur können wir nicht so schnell schalten wie er. Etwa hier, Tweetauswahl der letzten Tage:

facebook & twitter are insane
watching a video of myself eating a giant bowl of noodles in 2008
felt confused thinking about elephants, thought ‘are elephants…obese?’
earnestly believed i was ‘the devil’ last night in a manner that seems bleak thought about texting someone ‘what if i’m really the devil, lol’ & felt kind of afraid (copyright: twitter.com/tao_lin)

Einer, der es schafft, ein neues Akronym zu erfinden, das “ufsi” (unfit for social interaction) heißt, hat auf jeden Fall verstanden, was von ihm erwartet wird und was er für sich schützen muss. Dabei spielt Tao Lin mit diesem Paradox, dass er einerseits vor dem Daten- und Beeinflussungsstrom untertauchen will, dass er aber gleichzeitig, um sich zu behaupten, ein Dauerfeuer abschießt, über alle Kanäle, die ihm zur Verfügung stehen. Dass er den Kontakt zwar verweigert, aber ständig Kontaktmöglichkeiten anbietet. Das führt zu Melancholie, die schon immer ein guter Schreibmotor war.

2009 ist bei Dumont Tao Lins erster Roman mit dem blöden Titel “Gute Laune” erschienen, der im Original “Eeeee Eee Eeee” hieß, seitdem versuchte sich kein deutschsprachiger Verlag mehr mit seinen Werken. Weil es niemanden interessiert? Eher weil alle ihn auf Englisch lesen wollen, die ihn auf Englisch lesen können. Denn so scheint er uns noch näher.

PS: Frei nach seiner Analyse der Zukunft des Romans wäre Tao Lins Romanstil gut mit “The Novel of Distraction” bezeichnet.

PPS: Ich kann nicht aufhören, an diesem Text weiterzuschreiben, ich habe das Gefühl, ich habe viele wichtige Dinge noch gar nicht gesagt.

PPPS: Ist es wichtig, dass Tao Lin 1983 geboren wurde?

PPPPS: Heute morgen konnte ich mich nicht zwischen Buttercroissant, Schokocroissant und Nußnougatcroissant entscheiden. Ich habe dann alle drei gekauft.

PPPPPS: Ich würde gerne wie Tao Lin schreiben!!!

PPPPPPS: Ich werde nie wie Tao Lin schreiben…

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Amazon kennt mich

Donnerstag, 8. November 2012


Aaah, Amazon kennt mich so gut wie nur ich mich selbst,daher habe ich nun eine Mail mit Leseempfehlungen bekommen, die an erster Stelle mein erstes, selbstpubliziertes Ebook “Mein Freund und der Papst” (siehe Bild) anbietet. Die Mail aus dem Hause Amazon trug so gar den gleichen Titel wie mein Buch. Wie absurd ist das denn bitte? Interessanterweise ist mir das mit meinen, auch bei Amazon erhältlichen Papierbüchern noch nie passiert. Nun frage ich mich, ob es daran liegt, dass ich meine Ebookseite so oft besucht habe, weil ich nach neuen Leserkommentaren Ausschau hielt? Oder ist die Mail eine Werbemail, die auch an andere User so herausgeht – macht Amazon also kostenlos Werbung für mich? Das müsste ich in ein paar Tagen wissen, wenn ich sehe, ob die Verkäufe zugenommen haben. Im Moment habe ich 4,55 Euro an “Tantiemen”, wie es in den Verkaufsberichten von Kindle Direct Publishing heißt, eingenommen.

Oder ist diese Mail ein ironischer Kommentar des Ebookwesens auf den analogen Buchdruck? Denn dort ist es ja mehr als häufig so, dass Autoren ihre eigenen Bücher stapelweise kaufen, um sie zu verschenken oder mit anderen Autoren zu tauschen. Nur geht das Verschenken von Ebooks halt noch nicht so richtig – nimmt man social-gifting-Plattformen wie Wrapp einmal aus, die ja, so kritisiert es Jürgen Vielmeier auf Basicthinking, voraussetzen, dass ich mich über ein soziales Netzwerk etwa Facebook anmelde. Dadurch wird das Schenken von einer privaten, persönlichen Handlung zu einer quasiöffentlichen, weil meine Geschenkhandlung natürlich mit dem sozialen Netzwerk verknüpft wird. Dass meine Geschenktat von einem Algorythmus ausgewertet wird, ist ebenso offensichtlich.

Eigentlich kann ich froh sein, dass Amazon mich gar nicht kennt. Denn natürlich würde ich nie mein eigenes Ebook kaufen. Ich habs ja schon. Und kann die Datei so oft und kostenlos verschicken, wie ich will. Ganz ohne Amazon.

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Ein Brief von Bismarck

Samstag, 3. November 2012

Schon wieder eine Buchmesse! Diesmal eine für alte Bücher, Handschriften (z.B. Briefe von Bismarck oder Clemens Brentanto) und Landkarten. Ich habe auch heute zum ersten Mal die Handschrift von Friedrich I. (energisch, schwungvolles S) und Friedrich III. (fette Tinte, schulmeisterlich) gesehen. Anders als auf den Buchmessen für neue Bücher gilt hier: Eintritt frei, aber Verkauf erlaubt. Die Liber Berlin, eine Antiquariatsmesse, findet gerade zum zehnten Mal statt, diesmal im Kulturforum Berlin am Matthäikirchplatz. Ich musste erstmal googlen, wo denn der Matthäikirchplatz liegt, da ich vermutete, irgendwo in Charlottenburg. Aber nein, das ist der charmante Platz neben der Nationalgalerie, den sich die Backsteinkirche, die der Platz seinen Namen gab und in der 1931 Dietrich Bonhoeffer zum Pfarrer ordiniert wurde, und ein Parkplatz teilen, und der einst ein zentraler Platz im so genannten Geheimratsviertel Mitte des 19. Jahrhunderts war. Damit ist das Konzept der Messe, das sich auf der Webseite nachlesen lässt, bei mir schonmal super aufgegangen:

Stets war und ist es das Konzept der LiberBerlin, die Antiquariatsmesse mit dem öffentlichen Leben und der Geschichte zu verbinden. Gründet doch in den Turbulenzen der Gegenwart das Sammeln antiquarischer Bücher, Graphiken und Handschriften letztlich in dem Wunsch einer ganz persönlichen Rezeption geschichtlicher Prozesse.

Die Jahre vorher trafen sich die Antiquariate mit deutschsprachigem Schwerpunkt etwa im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums  oder im Zeichensaal der provisorischen Schinkelakademie am Werderschen Markt, Orte des Stein gewordenen oder Stein werdenden Berliner Geschichtsbewusstsein (die Akademie muss ja noch für einige Milliönchen wieder aufgebaut werden).

Chur Fürstl. Resi. St. Berlin. v. Cöln. Kupferstich (von 2 Platten) von Casp. Merian, Frankfurt, Merian, 1652ff. Bildausschnitt 23,5 x 71, Blattgr. 33,5 x 75,5 cm. (c) Antiquariat Clemens Paulusch

Die Geschichte ist also das Grundthema der Liber Berlin. Gleich am Eingang bietet ein Antiquariat Stiche von Feldherren (Napoleon) feil. Wer Johann von Österreich ist, muss ich nachher mal googlen. Alle Arschlöcher, sagt mein Begleiter. Aber es gibt auch Lokalpatriotisches, hübsche Stadtansichten, etwa eine ein Meter lange Karte aus den 1650er Jahren, auf der ich mich, weil ich mir die tolle Berlin-775-Jubliäumsausstellung “Mittelalterliche Orte” im Netz angeschaut habe, recht gut zurecht finde. Links Berlin, rechts Cölln, ich kombiniere: Panorama von Norden. Wenn ich die 1450 Euro in Bar mitgehabt hätte, ich wäre jetzt Besitzerin der ältesten gedruckten Gesamtansicht Berlins und Cöllns, gekooft von Antiquariat Clemens Paulusch. Naja, nächstes Mal bin ich besser vorbereitet.

Liegt es an dem historischen Überbau, dass diese Messe vor allem ältere Menschen – mit Geld – anzieht? Sie tragen gute Lederschuhe, Tweedjackets und Understatement. Dabei ist da auch einiges für jüngere Menschen dabei: historische Kinderbücher (um die 200 Euro vom Duisburger Antiquariat Keune), ein Chanelkatalog mit der jungen Claudia Schiffer auf dem Cover oder die Partitur von Paul Hindemiths Singspiel “Wir bauen eine Stadt” (1930), in dem Kinder eine Stadt ohne Erwachsene bauen (habe dazu einen interessanten Blogeintrag gefunden, der Kontext herstellt). Wer will aber das notizbuchdicke Programmheft des Nürnberger Reichsparteitags 1938 mit der Marschierabfolge der SA kaufen?

Diese Messe ist ein Museum-zum-Durchblättern. Sie bittet um Hochachtung für sehr viel durch die Zeit gerettetes und kostbares Papier.

 

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