Archiv für Mai 2011

Eintauchen

Samstag, 7. Mai 2011

Das Theatertreffen 2011 startete mit viel Wasser. Die siebenköpfige Blog-Redaktion startete mit neuen Formaten, darunter die “Guttenberg-Kritik” oder “Seitenrang links“. Noch zwei Wochen ab heute für weitere kulturjournalistische Experimente. Exklusiv-Vorschau: aktuelle Reaktion auf den Fragebogenzensus, der am 9. Mai startet, und ein Interview mit einem Pferd. Wer mich sucht, der mich dort findet, bis 24. Mai tauche ich ab…

Link zum Theatertreffen-Blog 2011.

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Sylvia Plath

Sonntag, 1. Mai 2011

Auf dem Lyrikerstammtisch neulich endlich jemanden (Mikael Vogel) getroffen, der auch Sylvia Plath liest. Darüber meine alten Übersetzungen ihrer späten Gedichte aus dem Jahr 1963 herausgekramt und überarbeitet. Eines der Gedichte, Words, ist das, was wie kein anderes Sprache, Klang, Gewalt, Erinnerung, Natur, Körperlichkeit überblendet. Wörter wie Äxte, ja, so ähnlich sagte es schon Kafka, der forderte, die Literatur müsse sein wie die Axt für das gefrorene Meer in uns. Sylvia Plath lässt die Wörter wie Äxte in die Welt knallen, aber die Wortbedeutungen galoppieren mit dem Schall durch den Wald davon. Es bleibt der Nachhall, der Einbruch in die Wirklichkeit. Ein sehr rhythmischer und neurologischer Zugang zu dem Material des Gedichts. Heute weiß man, dass Geräuschschocks eine Art Erinnerungskerbe im Gehirn hinterlassen. Ja, und multisemantisch ist dieser Zugang auch, denn wie die Ringe im Wasser sich ausbreiten, so breitet sich der Schall aus in alle Richtungen. Das Zentrum ist die Setzung, die Wirkung ist eine fortlaufende konzentrische Bewegung. Die “fixed stars”, dieser Neologismus, enthält dann schließlich auch wieder unzugänglichen Sinn, aber diesmal hermetisch, etwas fast Romantisch-Unerreichbares, brutal verschlossen: Sterne im Firmament, das ist etwas Urpoetisches, aber hier dienen sie nicht etwa als Fixsterne  der Orientierung, sondern ganz schnöde der “Feststellung” als festgezurrte Natur. Die wiederum als bloße  Wiederspiegelung das Leben lenkt. Weitere Anmerkungen erwünscht!

Wörter

Äxte
nach deren Schlägen der Wald schellt,
und die Echos!
Echos, vom Zentrum austrabend
wie Pferde.

Der Saft
quillt wie Tränen, wie das
Wasser, das seinen Spiegel
über dem Brocken wiederherstellen
will.

Er tropft und wankt,
ein weißer Schädel,
von Moosgrün zerfressen.
Jahre später
treffe ich sie auf der Straße wieder –

Wörter, trocken und unberitten,
das unermüdliche Hufeklappern.
Während
fixierte Sterne vom Beckengrund aus
ein Leben regieren.

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Co-Working schreibt man mit Bindestrich

Sonntag, 1. Mai 2011

Der erste Mai gibt traditionell den Medien Denkaufgaben zu der Lage der Arbeit in unserem Lande. Der Tagesspiegel veröffentlicht heute als Aufmacher des Kulturteils meinen Text unter dem guten Titel “Heraus zum ersten Mal”. Er wurde leider, aber natürlich sehr elegant, gekürzt. Die vollständige Version gibt es jetzt hier zu lesen, mit ein paar Links, die gibt es beim Tagesspiegel nämlich fast nie. Blogs als Service, ich sags ja. Die Frage, die ich mir gestellt hatte, war: Wenn Arbeit durch die neuen Medien immer körperloser wird, wie arbeiten wir dann zusammen?

Als ich noch bei einer Medienorganisation fest angestellt war, sagte einer meiner Kollegen manchmal, wenn wir uns vor der Kaffeemaschine trafen: „Ich mache heute Facetime.“ Dabei grinste er verschwörerisch und rührte Zucker in seine Tasse. Facetime, das ist das Codewort für: den Job absitzen, die Stechuhr rattern lassen. Körperlich anwesend sein, um auf die Stundenzahl zu kommen, die der Arbeitsvertrag verlangt – aber geistig abwesend. Ein Entspannungsmoment, der, wenn er zum Normalzustand wird, zur unproduktiven „inneren Kündigung“ verkommt.

Den aufrührerischen Unterbau dazu, der ein Bestseller wurde, schrieb vor ein paar Jahren Corinne Maier, leitende Angestellte in einem französischen Energiekonzern. Ihr Lob der Faulheit, „Bonjour Paresse“, 2005 auf Deutsch erschienen, rief dazu auf, sich durchzuschlawinern, Fünfe gerade sein zu lassen, sich bloß nicht für die Firma den Rücken krumm zu machen, denn die Firma sei nicht das Leben. Das Leben sei da draußen, woanders. Das gilt auch für die sich selbst ausbeutenden Selbstständigen. Der Kurator Chris Dercon schlug 2010 in einem vielbeachteten Interview in der Kunstzeitschrift Monopol in Anlehnung an eine Ausstellung von Ruth Noack, Schlaf als subversive Protesthaltung vor: „Irgendwo muss man anfangen, wenn man kein Zombie sein will. Warum fallen eigentlich alle vom Stuhl, wenn man das sagt?“

Im Mittelhochdeutschen verstand man unter „arebeit“ vor allem Mühe und Not. Auch heute klingt Arbeiten nach Strapaze, nach einer unangenehmen Verpflichtung, muss halt sein, Miete, Essen und so. Doch wer macht sich überhaupt noch buchstäblich den Rücken krumm? Der Buckel schmerzt vor allem vom Sitzen auf dem ergonomischen Bürostuhl. Vielen schmerzt die Seele: Unter Angestellten haben Depressionen und Burn-out von 2007-2009 um 46 Prozent zugenommen, der Leistungsdruck ist Schuld.

Was für ein Dilemma: Die einen sind die „Festen“ in Verlagen, Stiftungen, Firmen und werden krank vor Stress und Konkurrenzangst. Die anderen sind die „Freien“, Journalisten, Designer, Autoren, Berater. Auch sie werden krank vor Stress und Konkurrenzangst. Dabei hätten sie, als Flexible, Unabhängige die Möglichkeit, Arbeit anders umzusetzen. Das Problem: Sie sind unsichtbar, ihre Körper verstreut. Aber die Unsichtbaren werden immer mehr. (weiterlesen …)

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