Archiv für August 2010

Maskierte Winkekatzen

Montag, 23. August 2010

Vor einigen Jahren besuchte ich eine bolivianische Familie und wollte Postkarten nach Hause schreiben. Ich saß auf dem Bett, denn einen Schreibtisch gab es nur im Elternschlafzimmer, vollgestellt mit Kosmetik und Parfumflakons, ein anderer, mit Computer, stand im Wohnzimmer, dort konnte ich mich nicht konzentrieren, dort war das Zentrum der Familie. Also balancierte ich die Postkarten auf meinen Knien, Adressbuch daneben und versuchte mit Kuli einige Zeilen festzuhalten. Das war fast unmöglich, denn immer wieder kamen Familienmitglieder zu mir und fragte mich, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wolle. Ich könne da doch nicht so alleine sein. Für sie war es unverständlich, warum ich mich absonderte in einem abgedunkelten Raum und schweigen wollte. (weiterlesen …)

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Minirezension

Donnerstag, 19. August 2010

Sinnierte ich doch gerade mit einem befreundeten Lyriker darüber, inwiefern neue Lyrik, wenn sie es denn in die Buchform geschafft hat, überhaupt besprochen wird und wo. Und finde die erste Minirezension meines letzten Lyrikbands auf WDR5. Ich freue mich! (weiterlesen …)

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Fleischsensibel in dritter Generation

Montag, 16. August 2010

Deutschland ist Fleisch: Auf der aktuellen ZEIT prangt ein blutiges Steak, Jonathan Safran Foers “Eating animals”-Buch löst, kurz vor seinem Erscheinen auf dem deutschsprachigen Markt, eine Welle fleischkritischer Prosa und Interviews aus. Woher kommt diese neue Sensibilität für das Wohl der Lebewesen, die wir vertilgen? Ist das nur ein neuer Trend, ein weiterer Fall von “bewusst leben” in Gesellschaften, die keine anderen Probleme haben?

Ich persönlich finde es absurd, dass auf einmal alle wie erleuchtet scheinen und zu fleischlos Glücklichen konvertieren. Denn wir wussten es doch schon lange: Tierhaltung heute ist brutal, Begriffe wie “Kleingruppenhaltung” aus der Welt der Legehennenbatterien belegen das eindrücklich. Rinderzucht produziert Klimagase, verbraucht viel Energie (Wasser, Transportkosten, Kühlung), verschwendet Nahrung (Futtermittel) und damit Anbauflächen, die für durchaus nachhaltigere Speisen verwendet werden könnten. Die gentechnisch veränderten Wesen, die auf unseren Tellern landen, wären in ihren natürlichen Umgebungen nicht mehr lebensfähig: Hühner mit Mörderbrüsten, Rinder mit Superhintern. Und die ihnen gespritzten Medikamente nehmen schlussendlich wir Menschen als Endverbraucher auf. Fleisch ist wahrlich kein Gemüse. Und Kühe sind nicht lila. (weiterlesen …)

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Der naive Vogel

Sonntag, 15. August 2010
carlos contente photobucket by agemda

Das Ich als Spinne mit Pacman-Karnivoren. Ausschnitt aus einem Carlos Contente-Gemälde. Photobucket by agemda.

Er druckt sein grimmiges Gesicht auf Wände, Mauern, Zettel, Schallplatten, zeichnet sich mit vielen Köpfen und Beinen, verbunden mit der Welt durch Bleistiftleitungen. Und er heißt paradoxerweise Carlos Contente, Carlos Zufrieden. Der junge brasilianische Künstler (Jahrgang 1977, Rio de Janeiro) wird derzeit in der ifa-Galerie Berlin ausgestellt. Die großformatigen Papierblätter, auf denen sich der Künstler multipel-irre porträtiert, erzählen keine Geschichten, sind aber doch irgendwie autobiographisch. Wenn wir aus unserer Seele zitieren könnten, wären das vielleicht solche Wesen. Sie halten einzelne Momente der Selbstwahrnehmung fest, in all ihrer Komplexität, Absurdität und Verlorenheit. So zwitschern kleine naive Vögelchen der stets frontal den Zuschauer anstarrenden Figur ein, manchmal von nah, manchmal von fern. Auf den Vinyls der Serie “La Fiesta” gesteht der Künstler sich ein, dass er perfekt schlecht zeichnen kann. Alles eine große Illusion. Aber das Benennen dieser Täuschungen erzeugt bereits eine neue Realität. Jeder könnte dieses Ich sein. Denn wer ist heute nicht ständig damit beschäftigt, sich abzugrenzen, von der Familie, dem Kindlichen, den Ansprüchen, den Überforderungen, dem Selbstzweifel? In der Zweidimensionalität liegt eine Chance: Konturen zu erkennen. Die Technik dieser philosophischen Erkenntnis-Comic ist eine des Nacheinander-Denkens.

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Schmücke deine sterbende Hülle

Sonntag, 15. August 2010

Fühlen, Denken: Zeichnung von René Descartes (Wikicommons).

Ein weiteres Editorial für Los Superdemokraticos, diesmal über die Frage, wie Geist und Körper heute zueinanderstehen…

Neulich saß ich in einem Straßencafé und neben mir unterhielten sich vier Mädchen, Mitte 20, über Männer und Tattoos. Die eine hatte gerade einen Typen kennengelernt, der ein Zeichen auf der rechten Brust trug. „Da“, rief sie, und schlug mit der flachen Hand auf ihre Brust, „das ist der beste Platz für ein Tattoo!“ „Ja“, riefen die anderen, „das ist der beste Platz.“ Ich hatte bisher nicht viel über Tattoos nachgedacht. Vor zehn Jahren wünschte ich mir einen schwarzen Stern. Aber dann lernte ich einen Mann kennen, der exakt dieses Zeichen aus meinem Traum auf dem Oberarm trug und ich verliebte mich. In den Mann oder in das Tattoo? In den Körper oder in den Geist, der sich das ausgedacht hat? Und war das überhaupt zu trennen? (weiterlesen …)

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Beziehungsweise Geräte

Sonntag, 15. August 2010

Im Juli schreiben die 20 Autorinnen und Autoren auf Los Superdemokraticos über Intimität, Geschlecht und Körper. Und sehr oft geht es um unsere Beziehung zu Geräten:

Da liegt etwas neben mir und blinkt, als ob es atmet. Manchmal nehme ich es auf den Schoß, dann wird mir ganz warm. Ich spreche hier nicht von einem Fahrradlichtdildo oder einer Katze mit blitzenden Augen, nein, ich spreche von einem Gerät. Habe ich ein Verhältnis mit meinem Computer? Was für eines ist das? Hat er sich in eine herzförmige Box verwandelt, die meine Gefühle kontrolliert? (weiterlesen …)

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