Archiv für März 2010

In mehreren Sätzen

Sonntag, 21. März 2010

Gehen tut gut und inspiriert. Das wussten schon Robert Walser, Walter Benjamin, Thomas Bernhard und die Literaturwissenschaftlerin Prof. Marianne Kesting in ihrer Abschlussvorlesung “Homme qui marche. Über Gehen und Imagination” an der Ruhr-Universität Bochum 1995. Daher statt einer Leseliste eine tabellarische Sammlung meiner Bewegungsabläufe auf der Leipziger Buchmesse, Satz für Satz, Stand für Stand, Halle für Halle.

Ich mag Schinken

Jede Messe braucht Jutebeutel: Dieser hier mit der Aufschrift "Ich mag Schinken" war leider etwas zu teuer.

- auf der Leseinsel der jungen Verlage verweilen, dem Marktplatz der jungen Literaturszene in Halle 5, Facebook in real-time. Ich würde mir wünschen, dass im nächsten Jahr eine Box drumherum gebaut wird, damit das Messerauschen nicht die Lesungen stört. Ich hörte Martina Hefter und ihren ersten, lang erwarteten Lyrikband “Nach den Diskotheken” (kookbooks) nur daher gut, weil ich in der ersten Reihe saß. Ron Winkler hat übrigens eine interessante Liste lyrischer Frühjahrs-Neuerscheinungen zusammengestellt.

- in das Bibelmobil einsteigen und wieder aussteigen: Die Kirche parkte einen Bus in Halle 5, in dem klassische und schräge Bibelausgaben wunderbar miteinander harmonierten. Highlights waren die Bibel in gerechter Sprache mit abwechselnd weiblichen und männlichen Personalpronomen für Gott, die Volxbibel in Jugendsprache (“Hey, lass uns zur Passaparty gehen”) und das Bibelblatt in Klatschpresse-Schlagzeilen: “Apocalypse now, tödliche Reiter unterwegs.”

- in Zettel’s Traum blättern: Sein Buch in acht Büchern, das Arno Schmidt selbst als nicht setzbar empfand, veröffentlicht der Suhrkamp Verlag im Herbst zum ersten Mal in Originalgröße als gesetztes Buch als Teil der Bargfelder Ausgabe – bisher existiert es nur als verkleinertes Faksimile. Daher hat das Werk einen eigenen Messestand verdient! In einer Rundfunksendung erklärte der Autor seine Zettelwirtschaft – die Schallplatten erschienen 1977 im S. Fischer Verlag.

ZETTELS TRAUM – der Titel natürlich – zunächst SHAKESPEARE. — Das ist Bottom, der große Weber, und ein Buch ist ja schließlich auch eine Art – Teppich oder Gobelin wenn Sie so wollen.

Es deutet natürlich auch auf die Entstehung aus lauter Zetteln hin. Es ist meine Art, viele in diesem Fall waren’s 120.000 Zettel zu sammeln – dann sorgfältig genau hintereinander passend zu montieren – und dann das Buch zu schreiben.

Wie passend, dass zum Manuskript im DinA-3-Format das Plakat zum Buch ebenso überdimensioniert ist. Darauf verschwindet Schmidt langsam im Wald. Ich habe es auf den verschiedensten Verkehrswegen nach Berlin importiert: zu Fuß durch die Messegänge, in der Tram nach Leipzig-Schönefeld zu meinen netten Gastgebern, mit dem Interconnex in die Haupstadt, auf dem Fahrrad in meinen Kiez.

- das Cover der aktuellen Strapazin-Ausgabe mit dem Herausgeber diskutieren: Ist ein Ast, der sich in ein rosafarbenes Astloch bohrt, ein eindeutiges Symbol für Sex? Das Comicmagazin widmet sich nämlich dem ewig präsenten Thema.

- Heimatgeschichte finden: Der beste deutsche Comicverlag Reprodukt hat mit Gift eine Bremer Stadtlegende in Kohlestift aufleben lassen: Gesche Gottfried, die Bremer Serienmörderin, die 15 Menschen auf dem Gewissen hat. Auf dem Bremer Domshof spucken die Menschen immer noch auf den Pflasterstein, auf den ihr gehenkter Kopf fiel.

- Kaffee trinken: einerseits ist da der Umsonst-Espresso am taz-Stand, aber noch besser ist der Lyrik-Kaffee am gemeinsamen Stand von Poetenladen (Andreas Heidtmann), Lettrétage Verlag (Tom Bresemann, Moritz Malsch), parasitenpresse (Adrian Kasnitz). Der E-Book-Reader Kindle wird hier zum Berliner Kindl umgedichtet.

Leander Wattig Leipziger Buchmesse 2010

Faxt du noch oder bloggst du schon? Leander Wattig erklärt im "Forum Zukunft" des Börsenvereins seine Erfolgsstrategien

- Werbegeschenke von Bloggern begutachten: Leander Wattig stellte sein Blog-Projekt Ich mach was mit Büchern vor, das die Verlagsbranche miteinander vernetzen will und als T-Shirt vermarktet wird. Es hat auf Facebook fast 2.000 Freunde. Studierende der Angewandten Literaturwissenschaft der FU Berlin verteilten Buttons mit dem Logo ihres Literaturbetrieb/Studiengangs-Blogs Litaffin, das Katy Derbyshire auf lovegermanbooks als “good german lit-blog” anpreist.

- einer Con Hon-Zeichnerin zusehen: Con Hons sind “Convention Books”, in denen Manga- und Anime-Fans kleine Skizzen ihrer Lieblingszeichner sammeln, Kostenpunkt pro Skizze ca. 2 Euro. In Halle 2 bekommt man einen Eindruck von der kreativen Energie dieser Szene: Kostüme, Frisuren, Fiktionen selbst gemacht.

- lesen bei der 10-Jahres-Jubiläumslesung der Lyrikedition2000: Der aristokratischste Ort in Leipzig, das Gohliser Schlösschen, beherbergt jedes Jahr die Lyrik: Gedichte vor Ölgemälden, unter Deckenbemalungen und Lüstern, neben Goldleisten, auf knarzenden Dielen. Hier wird die Poesie geehrt. Herzlichen Glückwunsch!

- die Party der Jungen Verlage besuchen: Der meist wiederholte Satz rund um die Leseinsel (siehe oben) war “Wir sehen uns ja später auf der Party”. In der Alten Post feiern die jungen Büchermacher – daher weht auch ein leichtes Schulpartyflair durch die ansonsten sehr berlinisch-postindustriellen Räumlichkeiten – aber auch normale Leser (die sich selbst so nennen) treiben ihr Unwesen. Sie pirschen sich von hinten heran und fragen: “Kann es sein, dass ihr schon seit einer Stunde an dieser Stelle steht und euch nicht bewegt? Seid ihr Verleger?”

Wir stellen uns mal woanders hin.

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